LEITARTIKEL · MUSIKFEST STUTTGART: Glaube, der klingt

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Wie klingt, was wir glauben?" Nein, es geht jetzt ausnahmsweise nicht um Fußballer mit Migrationshintergrund, die sich weigern, vor einem Länderspiel auf Kommando das Deutschlandlied zu singen. Wenngleich die unselige Debatte über die stummen Özils und Khediras schon geradezu religiöse Züge annimmt.

"Wie klingt, was wir glauben?" Diese Frage hat vielmehr Christian Lorenz, der Intendant des Musikfestes Stuttgart gestellt. Drei Wochen lang versucht die Internationale Bachakademie mit einem vielfältigen Programm darauf Antworten zu geben. Dieses Festival über den Glauben lädt in der Sommerpause zwischen den christlichen Feiertagen nicht nur zum Hören, sondern ebenso zum Nachdenken ein, in Kirchen und Konzertsälen und andernorts. Ein starkes Programm, das auch multikulturelle Offenheit signalisiert.

Die christliche Basis bleibt: "Wer glaubt, dass Jesu ihm geboren,/ der bleibet ewig unverloren,/ und ist kein Leid, das den betrübt,/ den Gott und auch sein Jesus liebt", heißt es im Anfangschor der Kantate "Also hat Gott die Welt geliebt" von Johann Sebastian Bach. So schlicht und ergreifend lässt sich Glaubenszuversicht definieren: Ich kann mich verlassen auf . . . Der Chor ist die Gemeinde, die den Einzelnen stärkt - und musikalisch berührt. Nicht direkt im Gottesdienst, sondern im Konzert erfahren viele Menschen die Glaubensinhalte.

Nicht jeder glaubt an Gott, aber alle scheinen an Bach zu glauben. Solche Erfahrung hat in der säkularisierten Welt vor allem Helmuth Rilling gemacht. Der 79-Jährige wird als "der schwäbische Evangelist" bezeichnet, weil er von Stuttgart aus die Botschaften Bachs verkündet. Rilling ist im Februar nach Querelen um seine Nachfolge vorzeitig als künstlerischer Leiter der Bachakademie zurückgetreten, setzt aber auf dem Musikfest die Akzente und hinterlässt ein bedeutendes Erbe - wobei auch der Glaube an den künftigen Bachakademie-Chef Hans-Christoph Rademann groß ist.

So schwäbisch-protestantisch auch Helmuth Rilling geerdet ist, so weiß er doch nicht zuletzt aus der Praxis als Kantor, dass Glaube und Kirche heute nicht unbedingt mehr deckungsgleich sind: "Unser Leben hat sich von der Kirche entfernt", schrieb Rilling, als er sein Projekt "Passion 2000" reflektierte. Liegt es daran, das die Kirche keine gewaltige Sprache mehr spricht? Diese "gewaltige Sprache" findet Rilling in der Kirchenmusik Bachs, weil sie über das hinausgeht, was Worte sagen können: In den Aufführungen lassen sich die Menschen "von einer Sprache erreichen, die vom christlichen Glauben geprägt ist, existenzielle menschliche Grundprobleme nicht negiert, aber auch von ihrer Lösung durch Gottes Autorität spricht".

Als in dieser Woche Professor Hans Maier, der Politiker und ehemalige Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, auf dem Musikfest-Symposium "Der eine Gott und die Vielfalt der Klänge" einen bemerkenswerten Vortrag hielt, da sprach er auch einen uralten Diskurs an. Der musikalische Fortschritt mit der aufblühenden Mehrstimmigkeit habe der Kirche zwar einen kaum übersehbaren Schatz an moderner Kirchenmusik gebracht, die Einheit von Text und Ton sei jedoch ins Wanken geraten. Der hinter der Sprache liegende Sinn sei ins Zentrum der Komposition gerückt, die Musik habe das Christliche geradezu in sich aufgenommen.

Ja, man kann sich da schnell in musikwissenschaftliche Diskussionen vertiefen oder mit Theologen über die Macht des Wortes streiten. Man kann aber auch einfach die Musik hören, Bach, Mendelssohn und noch ganz andere glaubensstarke Klänge. Und verstehen, dass der Mensch, der nicht glaubt, schnell den Halt verliert.

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