LEITARTIKEL · IRAN: Mit hohem Risiko

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Am Ende war die Erleichterung der diplomatischen Akteure groß. Tagelang hatten die Teams der fünf UN-Vetomächte plus Deutschland in Marathonsitzungen miteinander gerungen, bis alle Seiten weißen Rauch signalisierten. Die Islamische Republik und ihre sechs internationalen Gegenüber einigten sich auf ein erstes, befristetes Abkommen, das den heiklen Atomkonflikt zunächst beruhigen und dann in einem endgültigen Vertrag regeln soll. Auf dieser Etappe hat der Iran bereits Konzessionen gemacht, die unter dem Säbel rasselnden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad völlig undenkbar gewesen wären.

Teheran stoppt seine Hochanreicherung von Uran und macht die bisherigen Vorräte unschädlich. Die Normalanreicherung wird auf jetzigem Niveau fixiert. Der Bau des dubiosen Arak-Reaktors wird gestoppt und unter fugendichte internationale Kontrolle gestellt. Damit sind von sofort an alle technischen Wege zu einer Atombombe für die kommenden sechs Monate blockiert, während der Iran im Gegenzug erste genau definierte Erleichterungen bei den Sanktionen erhält.

So Aufsehen erregend das Interimsabkommen von Genf auch ist, es bedeutet noch lange nicht die Lösung des vertrackten Atomproblems. Der Wert der Übereinkunft liegt vor allem in seinem beträchtlichen historischen Potenzial, wenn man bedenkt, dass hohe US-Diplomaten bis vor kurzem noch ihren iranischen Gesprächspartnern ironisch ein im Erbgut verankerten Hang zur Unehrlichkeit attestierten. Gelingt es beiden Seiten, das in den vergangenen Wochen aufgebaute Vertrauen zu bewahren und auszubauen, die Hardliner in den eigenen Reihen durch weitere spektakuläre Fortschritte in der Defensive zu halten, könnten sich bald zahlreiche neue Tore öffnen.

Denn der gesamte internationale Status des Iran ist seit Jahren an den Atomkonflikt gekettet. Ließe sich dieses Hemmnis aufsprengen, geriete erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten auch eine Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran ins diplomatische Blickfeld. Eine Entspannung im Verhältnis zur Europäischen Union wäre ebenso möglich wie eine Milderung der erdrückenden Sanktionen, die das 76-Millionen-Volk an den Rand der wirtschaftlichen Verzweiflung gebracht haben. Gleichzeitig wird eine langfristige Einigung, wenn sie zustande kommt, die gesamte Machttektonik des Nahen und Mittleren Ostens verändern. Das wissen vor allem Israel und die Golfstaaten mit Saudi-Arabien an ihrer Spitze. Israel fühlt sich zu Recht vom Iran in seiner Existenz bedroht. Die arabischen Anrainer wiederum haben dem persischen Kontrahenten trotz ihres sagenhaften Ölreichtums kulturell und zivilisatorisch noch nie Paroli bieten können. Ohne das eiserne, westliche Sanktionsregime wären sie in ihrem jahrzehntelangen kalten Krieg gegen die schiitische Regionalmacht schon längst unterlegen.

Insofern trägt die internationale Gemeinschaft bei ihren Verhandlungen nicht nur ein erhebliches Risiko, sondern auch hohe Verantwortung für die Anrainer und Nachbarn des Iran. Der schwierigste Teil der Strecke liegt damit noch vor den Unterhändlern. Denn das endgültige Abkommen, was bis Ende April nächsten Jahres ausgehandelt werden soll, muss definitive Garantien der Islamischen Republik enthalten, seine verdächtigen und zwielichtigen Atompläne aufzugeben. Dazu müssen die fünf UN-Vetomächte plus Deutschland Teheran möglichst harte Einschnitte und enge Kontrollen der Atominspekteure abverlangen. Denn werden die internationalen Sanktionen erst einmal substantiell gelockert, lassen sie sich auf absehbare Zeit nicht wieder zu der heutigen Druckkraft aufbauen.

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