LEITARTIKEL · IFA: Fernseher als Mittelpunkt

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Wirtschaftlich haben wir derzeit nicht viel zu lachen. Der Euro wankt, die Volkswirtschaften vieler Länder röcheln und selbst die ökonomischen Aussichten in Deutschland sind trübe. Doch was machen die Menschen? Wenn nur ein wenig Geld da ist, geben sie sich der Lust des Konsumierens und der Unterhaltung hin. Nicht anders ist das Interesse an der heute beginnenden Technikmesse Ifa zu deuten. Die Ausstellungsfläche unterm Berliner Funkturm ist schon lange ausverkauft, es wird mit einem Besucher-Andrang gerechnet. Die Branche erwartet ein vierprozentiges Umsatzwachstum: 29 Milliarden Euro sollen die Deutschen in diesem Jahr für Konsum-Elektronik ausgeben.

Im Mittelpunkt des Begehrens steht dabei wie vor 30 Jahren - als gäbe es kein Internet - der Fernseher. Mehr als zehn Millionen TV-Geräte sollen hierzulande 2012 verkauft werden. Technik-Revolutionen vergangener Messen wie 3D oder Flachbildschirm bleiben zwar aus. Aber auch weniger bedeutsame Entwicklungen scheinen die Menschen zu faszinieren. Da gibt es Geräte mit der tiefsten schwarzen Farbe aller Zeiten auf dem Bildschirm (Oled-Technologie), noch schärferen Bildern (4K-Auflösung) und immer größeren Bildschirmen (1,90 Meter Diagonale). Schöner, größer, schärfer heißt die Devise. TV-Fans werfen dafür sogar Geräte aus ihren Wohnzimmern, die technisch völlig in Ordnung sind, nur um Neuem Platz zu machen.

Woher kommt dieses Interesse? Sind wir alle ein wenig fernsehverrückt? Ja, aber es hat sich auch etwas verändert in der Gesellschaft. Der Platz vor dem Fernseher ist in vielen Wohnungen der Treffpunkt der Mitbewohner geworden. Fast drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen von 3 bis 19 Jahren schauen mehrmals pro Woche gemeinsam mit ihren Eltern fern, hat eine Untersuchung ergeben. Zwei von drei Kindern sprechen mit ihren Eltern über Fernseh-Inhalte. Das gemeinsame Abendessen dürfte in vielen Familien seltener geworden sein. Dies hat auch etwas mit veränderter Kommunikation zu tun: Handys, Telefon und Tablet-PCs begleiten einen in sämtliche Zimmer der Wohnung. Zwar gibt es immer mehr Fernseher in Küchen, Badezimmern, Jugend- und Schlafräumen. Aber der große Fernseher mit dem scharfen Bild bleibt meist im Wohnzimmer und lockt die Bewohner aus ihren Räumen.

Als heimlicher Wohnungsmittelpunkt wird das schicke, flache, große Display Besuchern und Verwandten heute so stolz wie die Einbauküche oder das Auto präsentiert. Vorbei sind die Zeiten, als das Gerät in einer Schrankwand verschwand. Für einen Fernseher schämt man sich nicht mehr - in vielen links-liberalen Haushalten der 68er-Generation gehörte das noch dazu.

Das Gerät mutiert aber auch zur Kommunikationszentrale mit Telefonier-, Online- und Facebook-Möglichkeit. Vor einigen Jahren war ein Internet-Zugang auf dem TV-Gerät fast unbrauchbar, heute sollen 76 Prozent diese Funktion nutzen.

Was jedoch auffällt: Inhalte spielen oft gegenüber der Technik eine untergeordnete Rolle. Fernseher werden mit Funktionen wie 3D gekauft, für die es so gut wie keine Inhalte gibt. Nur wenige Haushalte leisten sich Bezahlfernsehen. Politischen Magazinen oder Kultursendungen bleiben die Zuschauer weg. Reality-Shows werden flacher, inhaltsschwere Filme auf Nachtzeiten verbannt. Fernsehen wird nebenbei konsumiert: Drei von vier Internet-Nutzer sind parallel mit Smartphone, Tablet oder Notebook online. Bei all der faszinierenden Technik sollten uns anspruchsvolle Inhalte wichtig sein. Aber vielleicht ist der Fernseher auch ein Mittel, die täglichen Sorgen - bis hin zu Euro und Wirtschaftskrise - zu vergessen.

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