LEITARTIKEL · FUSSBALL: Wann ist ein Tor ein Tor?

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Pflegen wir das Klischee: Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Im Fußball ebenso wenig wie im richtigen Leben.

Wann ist ein Tor ein Tor? Mit geradezu panischer Besessenheit versucht eine millionenstarke Balltreter-Gemeinde dem Geheimnis dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die Routiniers unter uns werden sich, dem Langzeitgedächtnis sei Dank, an die Weltmeisterschaft 1966 erinnern. Wembley - der Anfang aller Diskussionen, die Mutter der Phantom-Tore. Im Endspiel gegen Deutschland drischt der Engländer Geoff Hurst den Ball in der Verlängerung an die Unterkante der Latte - von wo er auf den Boden prallt. Hinter die Linie oder davor? Schieds- und Linienrichter, in schweizerisch-russisches Kauderwelsch verstrickt, erkennen das Tor an. 3:2, der Triumph der Briten ist auf den Weg gebracht. Ein Augenblick hat genügt - ein Augen-Blick war derweil deutlich zu wenig.

Wie viele Emotionen braucht und verträgt der Fußball? Wie viel unstrittige Faktenlage ist nötig? Darüber streiten sich nicht nur die Gelehrten, sondern vor allem TV-Konsumenten und Stammtischler, vehement wie verbissen. Wenn über vier Jahrzehnte nach Wembley weitere ungewollte Momentaufnahmen produziert werden, die die Fehler im System Mensch gnadenlos offenbaren, dann führt am elektronischen Auge kein Weg mehr vorbei. Was der Kontrolleur aus Fleisch und Blut, der Schiedsrichter, nicht sieht, nicht sehen kann, wandelt der Kollege Computer stress- und zweifelsfrei in sportliche Gerechtigkeit um. Folglich ist es geradezu ein Segen, wenn das International Football Association Board als Gralshüter der Regeln die Öffnung des freien Markts für Systeme wie Torkamera oder Chip im Ball beschlossen hat.

Eine Revolution also? Mitnichten. Der selbstherrliche Präsident des Weltfußball-Verbandes Fifa, Joseph Blatter, hat mit der Torlinientechnik nie freiwillig einen Pakt geschlossen. Erst als den Engländern bei der WM 2010 gegen die Deutschen ein regulärer Treffer vorenthalten blieb, beugte er sich dem immensen medialen Druck. Seitdem gefällt sich der Schweizer, der bisher jeden Korruptionsvorwurf zu umdribbeln verstand, als Reformer. Zumal Kontrahent Michel Platini, Chef der Europäischen Fußball-Union Uefa, auf Torrichter statt Technik setzt - und damit gerade erst bei der EM Schiffbruch erlitten hat, weil solch ein Helfershelfer der Ukraine einen Treffer nicht gönnte.

Folglich lässt sich Blatter, gerissener Taktiker, als weltweiter Erneuerer feiern. Dabei gaukelt er mit der Freigabe der Torlinientechnik allen nur etwas vor. Testläufe gabs auch bisher schon, und ob Magnetspule im Ball oder Kamera die Zukunft des Fußballs sein soll, dürfen Fifa wie Uefa jeder für sich entscheiden. Ebenso, in welchen Spielen die Errungenschaft eingesetzt wird. Was sollen Vereinsverantwortliche oder Hersteller von Fußbällen mit solch einer Verwirrungstaktik anfangen? Und: Taugt die Technik auf Anhieb? Im Tennis hats Jahre gedauert, bis das Hawk-Eye seine Kinderkrankheiten überwunden hatte.

Blatter spielt wieder mal auf Zeit. Spätestens nach dem nächsten folgenschweren menschlichen Irrtum aber lässt sich der wirkliche Fortschritt nicht mehr aufhalten. Und das ist gut so, dafür steht zu viel Geld auf dem Spiel. Aber die technische Innovation muss auf die Tor-oder-nicht-Frage beschränkt bleiben. Wo die Fachkompetenz des Schiedsrichters anfängt, hat der elektronische Einfluss Sendepause - damit im Wohnzimmer und in den Kneipen die leidenschaftlichen Diskussionen um Elfmeter und Platzverweise weiterleben. Zu viel Wissenschaft raubt dem Fußball die Seele. Sobald ein System erfunden wird, das den Schützen unfehlbar macht, wenn er allein aufs Tor zuläuft, ist die Sportart Nummer eins gestorben.

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