LEITARTIKEL · DEUTSCHER HUMOR: Altes aus der Anstalt

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Kennen Sie den. . .? Ja, wahrscheinlich schon.

Eigentlich gibt es keinen weniger geeigneten Augenblick, um über den deutschen Humor nachzudenken, als in der Hochzeit lauer Reime, lärmender Faschingsumzüge und angetrunkener Schunkelei. Aber vielleicht ist es gerade der rechte Zeitpunkt, wenn man schon in die Fratze teutonischer Lustigkeit blicken muss. Tätää.

Das Klagen über den deutschen Humor ist fast so alt wie die meisten Zoten, die an Stammtischen zum Schlechtesten gegeben werden. Aber wir hatten hierzulande doch einen Wilhelm Busch und einen Loriot, wir haben einen Gerhard Polt und einen Helge Schneider! Leider jeweils nur genau einen. Tätää.

Was die Anderen sagen? Unser Humor sei so typisch deutsch wie die Kartoffel: Beide sind unterirdisch. Tätää, tätää, tätää!

Spaßforscher behaupten, der Humor eines Volkes sei umso höher entwickelt, je schlechter es ihm geht. Ob das wirklich alles erklärt? Es uns also einfach noch zu gut geht? Die deutsche Humorreichweite konnte man jedenfalls jüngst gut messen, als die RTL-Dschungelshow für den Grimme-Preis nominiert wurde. Nun kann man diese Maden-, Schleim- und Häme-Show blöd finden oder ignorieren oder mit Freude am Trash und sogar mit Lust am gekonnt vorgetragenen selbstreferenziellen Spiel betrachten - die todernsten Attacken auf TV-Macher und Grimme-Juroren freilich waren schockierend.

Und was ist mit dem hehren Kabarett? Neues aus der Anstalt? Ja, Georg Schramm, Urban Priol und Erwin Pelzig sind spitzzüngige Meister ihres Fachs. Und dennoch ist das politische Kabarett heute selten mehr als wohlige Selbstvergewisserung zementierter Meinungen.

Ein Phänomen ist der Comedyboom. Wenn Mario Barth, Ingo Appelt & Co. Arenen füllen, ist das denn kein Beweis für die Humortüchtigkeit der Deutschen? Nein, es belegt nur, dass Ressentiments und Geschlechterklischees aus der Mottenkiste, dass Zoten und Dumpfes noch immer ziehen. Und, nein, Humor ist nicht immer, wenn man trotzdem lacht.

Derweil ziehen die Komödien von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer Millionen ins Kino. Aber bei all ihrem Sinn für Slapstick und nette Pointen haben sie einen anbiedernden Hang zur Klamotte, zu Stereotypen und Plattheiten.

Eine Besonderheit sind Bülent Ceylan, Kaya Yanar und Kollegen. Gewiss bringen uns die "wilden Kreatürken" zum Lachen - fragt sich nur, auf wessen Kosten. Erst kürzlich führte Tobias Haberl im SZ-Magazin scharfsinnig aus, dass diese Komiker so erfolgreich sind, gerade weil es Humor und auch Integrationskultur in unserem Land eben nicht gut geht. Unter dem Deckmantel der Toleranz lebt die Diskriminierung fort. Genauso funktioniert es, wenn Cindy aus Marzahn ihre Witze reißt: Ha, ha, eine Dicke lästert über Dicke - dann darf man ja wohl mitlachen. . .

Unschöne Seiten des Humors zeigte auch die Brüderle-Sexismus-Debatte. Was nämlich zwischen klugen und weniger klugen Beiträgen fröhliche Urstände feierte, war der Herrenwitz ältester Schule.

Hier soll nicht das Totschlagargument der Political Correctness wüten. Humor darf schmutzig, respektlos, auch krass sein. Aber darüber nachzudenken, worüber und warum man da lacht, schadet nicht.

So etwas wie den guten Humor an sich gibt es eh nicht. Er ist mal frech und mal freundlich, mal bösartig hinterfotzig und mal liebevoll neckisch, mal albern und mal subversiv. Aber weniger Verkrampftheit und Opportunismus, dafür zuweilen ein distanzierter Blick auf uns selbst, etwas Selbstironie und Intelligenz, auch Wärme und Empathie schaden dabei nie.

Kennen Sie den. . .? Ach, lieber nicht.

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