LEITARTIKEL · CASTING-SHOWS: Brot und Spiele

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Rufen Sie schnell an, wenn Sie Ihren Kandidaten noch stützen wollen!", peitscht der Moderator die Zuschauer von "Unser Star für Baku" an - für 50 Cent pro Anruf. Dank des raffinierten neuen Abstimmsystems der Singshow, bei der die "Blitztabelle" permanent in Echtzeit die Kandidatenrangliste zeigt, klingeln bei Pro 7 die Kassen - und kritischen Geistern die Ohren.

Die Medienwächter prüfen bereits Beschwerden über das Voting-System, das die Zuschauer zu sehr unter Zeitdruck setze, anzurufen. Auch der Druck auf die Künstler von "USFB" wird gerügt. Obs hilft?

Wohl kaum. Raabs Geniestreich läutet eine neue Runde in der Vermarktung der Casting-Shows ein. Viele Konkurrenzformate werden ihn kopieren. Das System verspricht weiter Gewinne in Zeiten, in denen immer mehr dieser Sendungen sich den Quoten-Kuchen teilen. Der Zuschauer als Stimmvieh, das gemolken wird.

Eine andere Frage ist die nach der moralischen Seite, denn "USFB" ist noch sanft im Vergleich zu Sendungen wie "Supertalent", wo Menschen gezielt niedergemacht werden und sogar "Penis-Pianisten" antreten. Castings sind nicht mehr nur Sing- und Model-Wettbewerbe. Gecastet und "gevotet" wird mittlerweile fast überall im Fernsehen. Auch im "Dschungelcamp" stimmt das TV-Volk begeistert über Kandidaten ab. Nur steigen die nicht auf, sondern ab.

Was fasziniert so sehr an der Darstellung extremer Emotionen mit Ekel, Fremdschämen, Skandalen und Erotik? Es geht wohl um den Mix aus Voyeurismus, Schadenfreude und, ja, auch um echtes Mitgefühl. Empfindungen also, die - Hand aufs Herz - uns allen vertraut und in Grenzen normal sind. Davon lebt Unterhaltung. Aber wenn man sich daran ergötzt, dass ein Mensch, wie in der letzten "Dschungel"-Staffel, Schweine-Anusse essen muss, ist das nicht komisch. Es ist erniedrigend und widerlich.

Auch wenn einer neuen Studie zufolge Jugendliche Castingformate wenig ernst nehmen: Ohne Folgen können diese "Freak-Shows" nicht bleiben. Immerhin sind unter den 6,5 Millionen "Dschungel"-Fans 210 000 Kinder zwischen drei und 13 Jahren sowie 360 000 Jugendliche zwischen 14 und 19.

Zudem ist diese Unterhaltungsform tückisch, weil bequem. Der Entspannung suchende Zuschauer taucht in eine vorgefertigte Gefühlswelt ein und gibt seine Verantwortung ab. Er muss all das, was er sieht, im Wortsinne nicht mehr selbst er-leben. Emotionen aus der Dose, keimfrei verpackt, ganz ohne Ansteckungsrisiko.

Die Dauerfolgen? Schlimmstenfalls der Verlust von Fantasie und echter Mitleidensfähigkeit, ja sogar des Realitätssinnes. Es würde nicht wundern, wenn ein Mensch, der bei der Job-Bewerbung scheitert, dereinst getröstet würde mit: "Macht nix, kannst ja noch in den Recall."

Casting-Shows, sei es im Singen, Tanzen, Modeln, Kochen oder anderen Spielarten des Genres, sind die moderne Form des römischen "Brot und Spiele" geworden. Statt mit dem Daumen stimmt das bespaßte Volk per Telefon über die Bühnen-Gladiatoren ab. Ob der Casting-Wahn seine Grenzen findet, weiß keiner. Offenbar haben viele TV-Bürger ihre Mündigkeit mit der Fernbedienung aufgegeben. Anders lassen sich die Topquoten kaum erklären.

Es scheint, als bestimmte nicht mehr die Nachfrage das Angebot, sondern umgekehrt: Erfolg hat, was die Sender laut genug präsentieren. Hauptsache Spektakel. Und was oft genug wiederholt wird, wird irgendwann toleriert. Sei es die Voting-Abzocke bei "USFB" oder die Ekel-Orgie im Urwald.

Der größte Feind der Unterhaltung ist Langeweile. Für die Sender heißt das wohl auch in Zukunft: Steigerung muss her. Das kann einem Angst machen.

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