LEITARTIKEL · BUNDESWEHR: Eine einsame Armee

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Wenn Bundeswehrsoldaten von ihren Auslandseinsätzen zurückkehren, werden sie bestenfalls von ihren Angehörigen empfangen. Und wenn sie in Uniform unterwegs sind, riskieren sie, angepöbelt zu werden. Afghanistan hat der Bundeswehr die Unschuld genommen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Soldaten in den Auslandseinsätzen als eine Art bewaffnetes Hilfswerk fühlen konnten. Der Gutmensch in Uniform, der in fernen Ländern Kliniken aufbaut, Brunnen bohrt, Schulen und damit Bildung installiert, er wurde mit den 52 Bundeswehrsoldaten zu Grabe getragen, die bislang bei Kampfhandlungen im Land am Hindukusch getötet wurden.

Dass ihre Armee, die vor zehn Jahren vom Bundestag losgeschickt wurde, um den Afghanen nach mehr als 30 Jahren Krieg Frieden zu bringen, dabei in blutige Kämpfe verwickelt wird, hat die Deutschen aufgeschreckt. Mehr als zwei Drittel lehnten bei Umfragen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ab. Es ist, als hätte Deutschland die Bundeswehr erst jetzt so richtig wahrgenommen. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler umschrieb diesen Umstand mit "freundlichem Desinteresse".

Von Freundlichkeit ist wenig zu spüren. Das spiegelt sich längst in den Gemütern der Soldaten wider, die abends nach dem Einsatz ins Lager nach Masar-i-Sharif, Kundus oder Baghlan zurückkehren. Die jungen Frauen und Männer, die einst von den Volksvertretern losgeschickt wurden, fühlen sich von ihrem Volk im Stich gelassen. Die Bundeswehr ist ein Stück weit eine einsame Armee geworden.

Das Schweigen der Politik hat sie dazu gemacht. Über die neuen Aufgaben der Bundeswehr wurde nie ausführlich öffentlich diskutiert. Die Politik meidet dieses Thema wie der Teufel das Weihwasser, schließlich lässt sich mit Sterben und Töten kein Wahlkampf gewinnen. Deshalb dauerte es so lange, bis Politiker der Öffentlichkeit eingestanden, dass in Afghanistan Krieg herrscht.

Dabei machte die Bundeswehr seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 einen Wandel durch, der am ehesten mit ihrer Gründung und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik vergleichbar ist. Darüber hatte es 1955 erhebliche innenpolitische Auseinandersetzungen gegeben: Ist es moralisch vertretbar, dass Deutschland nach der blutigen Hitler-Diktatur eine eigene Armee aufstellt?

Der Wandel der Bundeswehr von einer reinen Verteidigungsarmee gegen den Ostblock zur Einsatzarmee an irgendeinem Krisenherd der Welt dagegen geschah weitgehend lautlos. Deshalb wurden die Deutschen überrascht, dass Bundeswehrsoldaten in Afghanistan töten und getötet werden. Die Bomben auf die beiden entführten Tankzüge bei Kundus, die mehr als 140 Menschen töteten, darunter viele Zivilisten, ließen die Stimmung endgültig kippen. Der Politik dämmert, dass es so nicht weitergeht. Erst vor wenigen Tagen forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel zaghaft mehr Anerkennung für die Bundeswehrsoldaten.

Die Debatte um die künftigen Aufgaben der Bundeswehr wird der Politik trotzdem nicht erspart bleiben. Sie kann nicht dauerhaft eine Einsatzarmee in die Welt schicken, der die Nation die Akzeptanz verweigert. Schon in der Vergangenheit sind der Truppe viele davongelaufen, die sie dringend gebraucht hätte: motivierte und gut ausgebildete junge Menschen mit hohem Verantwortungsgefühl, nicht etwa Draufgänger und Abenteurer.

Die Alternative zur ausstehenden Debatte wäre, auf die Bundeswehr zu verzichten - die Streitkräfte werden wegen Friedens geschlossen. Eine idealistisch schöne Vorstellung, die mit der real existierenden Welt voller Krisenherde nichts gemein hat.

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Kommentare

28.12.2012 10:55 Uhr

"Freundliches Desinteresse" noch geschmeichelt!

Herzlichen Dank, Herr Böhmer, für diese, Ihre Sichtweise. "Freundliches Desinteresse", wie unser Ex-Bundespräsident das beschriebene Phänomen umschrieb, ist wohl noch geschmeichelt.

In unserer saturierten Gesellschaft ist es ja wohl zztl. höchst uncool, sich Gedanken über unsere Streitkräfte zu machen. Frieden? Haben wir doch seit über 60 Jahren, ist doch selbstverständlich! Oder .... ?

Viele Grüße
Michael Gehm

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