LEITARTIKEL · BOLOGNA-REFORM: Halbvoll, halbleer

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In wenigen Wochen drängt der akademische Nachwuchs wieder in die Hochschulen - über zwei Millionen Studierende in ganz Deutschland, so viele wie nie. Sie stoßen, glaubt man den derzeit wieder sehr laut zu vernehmenden Kritikern, auf Studienbedingungen, die nur als äußerst unbefriedigend beschrieben werden können.

Es ist die Bologna-Reform, an der sich auch zehn Jahre nach Beginn ihrer Umsetzung heftig gerieben wird. Dabei hatten die 29 europäischen Bildungsminister höchst erstrebenswerte Visionen, als sie sich 1999 im italienischen Bologna als erste Vertreter von inzwischen 47 Staaten, dem Ziel eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums verschrieben hatten: Europäische Hochschulabschlüsse sollten mehr Mobilität, mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit und mehr Beschäftigungsfähigkeit ermöglichen. Vereinbart wurde unter anderem, Leistungen über ein studienbegleitendes Kreditpunktesystem vergleichbar zu machen und mit dem zügig zu erreichenden Bachelor schon einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss vor dem Master anzubieten.

So weit, so gut. Theorie und Praxis sind aber zweierlei. Doppelt gilt das, wenn ein in Jahrhunderten gewachsenes akademisches System sich einer zumindest zum Teil als grundstürzend empfundenen Reform unterziehen muss. Hinzu kommt: Ob ein Glas als halbleer oder aber als halbvoll angesehen wird, hat mit der Perspektive zu tun.

Wenn Bundesbildungsministerin Annette Schavan euphorisch die Bologna-Reform als europäische Erfolgsgeschichte vermarktet, dann kann sie sich durchaus auf Zahlen stützen: Obwohl die Hochschulen schon aus demografischen Gründen immer mehr Studierende zu verkraften haben, ist die Erfolgsquote - und ein abgeschlossenes Studium ist zunächst allemal als Erfolg zu bewerten - deutlich größer als vor der Einführung von Bachelor und Master. An den Fachhochschulen in Deutschland hat sich die Zahl der Studienabbrecher sogar halbiert. Gleichzeitig sind die Studienzeiten, auch das war ein nicht zuletzt von der Wirtschaft jahrzehntelang eingefordertes Ziel, zumindest bis zum ersten Abschluss deutlich zurückgegangen.

Wenn Wasser in den Wein geschüttet wird, ist es aber auch nicht falsch. Zwar war schon vor Bologna das humanistische Ideal einer akademischen Ausbildung weit mehr Trugbild als Wirklichkeit. Das enge Korsett voll durchgetakteter Studiengänge, wie sie vielfach anzutreffen sind, lässt aber heute nicht mehr die nötigsten Freiräume, die erst neben Ausbildung auch Bildung ermöglichen. Nicht von ungefähr wurden die hochgesteckten Mobilitätserwartungen enttäuscht.

Es sind vor allem Universitäten, die in einen von der Politik gar nicht vorgegebenen bloß sechssemestrigen Bachelor an Stoff reingepackt haben, was kaum verdaulich ist. Gleichzeitig reden ihn ihre Repräsentanten, wie neulich erst der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, schlecht. Dabei trägt, auch das gehört zur Bologna-Reform, die Wissenschaft selbst Verantwortung für die Einhaltung von Qualitätsstandards - und dafür, dass ihre Studenten mit einer Berufsperspektive erfolgreich studieren können. Dann muss auf den ersten auch nicht automatisch der zweite Abschluss folgen.

In diesem Zusammenhang ist auch dem Appell des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft zuzustimmen. Solange die Politik Bachelor-Absolventen mit Berufserfahrung den Zugang zum höheren Dienst zugunsten von Master-Absolventen versagt, solange konterkariert sie die selbst gesteckten Ziele. Im Sinne der nötigen Verbesserung ist festzustellen: Rechthaberei bringt nichts - das Glas ist sowohl halbleer als auch halbvoll.

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