LEITARTIKEL · 60 JAHRE 17. JUNI: Mehr als eine Episode

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Haben Sie heute schon an Karl-Heinz Pahling gedacht? Oder Paul Othma, Günter Mentzel? Namen, die den wenigsten von uns etwas sagen, um deretwillen wir aber unter anderem heute einen Gedenktag feiern. Den 17. Juni, einst Tag der Deutschen Einheit, zur Erinnerung an den Arbeiteraufstand in der DDR.

Pahling, Othma, Mentzel gehörten an diesem Tag zu den Hunderttausenden, die vor 60 Jahren im Ostteil Deutschlands auf die Straße gingen. Versorgungsengpässe hatten den Anlass für Proteste und Streiks in über 500 Städten und Ortschaften des ganzen Landes gegeben, bald forderten die Menschen auch freie Wahlen und ein geeintes Deutschland. Die drei gehörten zu den Anführern der Massendemonstrationen. Zwei von ihnen - Pahling und Othma - wurden nach der Niederschlagung des Aufstands verurteilt, die DDR sperrte sie für zwölf und zehn Jahre ins Zuchthaus. Mentzel konnte nach West-Berlin fliehen.

Ist dieser Aufstand nur eine Episode, die es nicht mehr wert ist, dass an sie erinnert wird? Dass sie - genau wie der Feiertag, den die Bundesrepublik bis 1990 an diesem Datum beging - als Fußnote in den Geschichtsbüchern verschwindet? Ganz sicher nicht. Ganz bestimmt jedoch hat Bundespräsident Joachim Gauck Recht, wenn er am vergangenen Freitag in seiner Rede im Bundestag den Gedenktag als Mahnung an uns bezeichnete. Wir müssten uns weltweit für jene einsetzen, die "mutig für Freiheit, Demokratie und Recht" einstehen, sagte Gauck.

Dies ist die eigentliche Bedeutung des 17. Juni. Und deshalb ist es so wichtig, die Erinnerung an ihn wachzuhalten. An diesem Tag spazierten keine Wutbürger in aller Ruhe zu ihrer Demonstration, um danach noch einen Latte Macchiato im Lieblingscafé zu trinken. Es ging um die nackte Existenz, um Freiheit und Demokratie. Russische Panzer stoppten den Protest, Menschen wurden von der Volkspolizei erschossen. Wer hier demonstrierte, setzte sein Leben für eine bessere, eine menschlichere Gesellschaft ein.

Der Mut solcher Menschen ist das Fundament für politische Veränderungen. Den November 1989, die Einheit Deutschlands, verdanken wir ein Stück weit auch jenen Männern und Frauen, die 36 Jahre zuvor nur mit Steinen in den Händen sowjetischen Panzern gegenüberstanden und zum ersten Mal der DDR-Nomenklatura die Stirn boten.

Dasselbe gilt für den Mut aller Freiheitsbewegungen - ob in Ägypten, im Iran oder jetzt auf dem Taksim-Platz in der Türkei, wo Ordnungskräfte mit immer größerer Brutalität die Demonstrationen niederknüppeln. Ein Tag wie der 17. Juni macht klar, auf wessen Seite Deutschland stehen sollte: Auf der Seite der Meinungsfreiheit, des Rechts und der Demokratie. Was für uns selbstverständlich erscheint, wird woanders unter Einsatz des eigenen Lebens erkämpft. In der Kuschelzone unserer gut geschmierten Alltags-Demokratie erscheint das geradezu unwirklich. Es betrifft uns ja nicht. Aus dieser Haltung heraus ziehen sich große Teile der Bevölkerung immer stärker aus jeder demokratischen Beteiligung zurück. Doch mit dieser Haltung gefährden wir das, was andere unter höchstem Einsatz erkämpft haben.

An den Schulen gehört deshalb der Arbeiteraufstand in viel größerem Umfang als bisher auf den Geschichts-Lehrplan, im gesellschaftlichen Leben sollten sich Politiker nicht nur am 60. Jahrestag in Gedenkreden üben. Das Wissen um diesen Tag muss, wie Gauck es ausdrückt, zum "Allgemeingut aller Deutschen" werden. Um den Freiheitskampf von Menschen wie Pahling, Othma oder Mentzel zu würdigen - und als solidarisches Zeichen für alle Bewegungen dieser Welt, die sich für die Freiheit einsetzen.

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