Leitartikel · 2014: Das Krisenjahr

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Von Ulrich Becker

Wer am Ende dieses Jahres auf die vergangenen zwölf Monate zurückblickt, kann eigentlich nur als Fußballfan eine positive Bilanz ziehen: Mario Götzes Tor zum WM-Finalsieg am 13. Juli in Rio de Janeiro lenkte für kurze Zeit von den Krisenherden dieser Welt ab. Ein kurzer, schöner Traum, nicht vergleichbar mit jenen rauschhaften Wochen acht Jahre zuvor, als die Deutschen während der Fußballweltmeisterschaft 2006 den Begriff Sommermärchen erfanden.

Nein, 2014 war ein Jahr, das in vielerlei Hinsicht eine Zeitenwende bedeutet. Ausgerechnet 100 Jahre nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, der die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte einleitete, ausgerechnet 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, der die Deutschen wieder mit sich und dieser Geschichte versöhnte - ausgerechnet in diesem Jahr sehen wir uns erneut historischen Zäsuren gegenüber.

Ein Vierteljahrhundert lang hatte Europa geglaubt, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine neue Ära der friedlichen Koexistenz zwischen Ost und West angebrochen sei. "Friedensdividende" war ein Schlagwort der 90er Jahre. Rüstungsetats sanken weltweit, russisches Atomwaffenmaterial wurde zur Stromerzeugung in den USA genutzt, die ehemaligen Gegner kooperierten militärisch wie wirtschaftlich.

Der Annexion der Krim und der Krieg um die Ostukraine haben die Hoffnungen auf eine Vertiefung dieser Entwicklung nicht nur in Frage gestellt - sie haben sie förmlich pulverisiert. Die beiden Lager - auf der einen Seite Europa und die USA, auf der anderen Seite Russland - stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die Rückkehr des Kalten Krieges ist kein Schreckensszenario mehr, das vielleicht eintreten könnte. Nein, der Kalte Krieg ist längst wieder Realität. Befeuert von beiden Seiten, die sich wie in längst überwunden geglaubten Tagen gegenseitig provozieren und damit eine Anäherung immer schwieriger machen.

Ähnlich tiefgreifend in seiner Bedeutung ist das Entstehen des Islamischen Staats (IS) im Irak und Syrien. Der Westen sieht sich nicht mehr der Bedrohung einer Terrororganisation wie Al-Kaida gegenüber, die in Gruppen oder als Einzeltäter Anschläge verübt - er muss sich mit einem Phänomen auseinandersetzen, das es geschafft hat, ein zusammenhängendes Gebiet zu annektieren. Der vom US-Wissenschaftler Samuel Huntington vor 20 Jahren prophezeite "clash of civilizations", also das Aufeinanderprallen der religiösen Weltanschauungen, bricht sich hier endgültig Bahn. Es ist ein Konflikt, der sich nicht in der arabischen Wüste alleine entscheidet. Von jungen Männern, die aus Deutschland als IS-Kämpfer in den Krieg ziehen bis hin zu den islamfeindlichen Demonstrationen der Pegida zieht sich die Spur tief in unsere Innenpolitik und wirft Fragen auf, die wir beantworten müssen.

Ukraine und IS - beide Konfliktherde werden uns weit über das kommende Jahr hinaus beschäftigen. Beide können im ungünstigsten Fall schwerwiegende Auswirkungen auch auf unsere Wirtschaft, auf Wachstum und Jobs haben. Dennoch gehen 45 Prozent der Deutschen "mit großer Zuversicht und Optimismus" ins neue Jahr - ein neuer Höchstwert. Blauäugig, naiv? Ein Stück weit sicher - aber vielleicht die beste Möglichkeit, den Herausforderungen des kommenden Jahres zu begegnen. Doch dabei sollte klar sein: Wenn die westliche Staatengemeinschaft diese Konflikte nicht löst, könnte sich das deutsche Wohlgefühl sehr schnell in Wohlgefallen auflösen. Noch ein Tor zu einem WM-Titel kann Mario Götze 2015 nicht mehr schießen.

Konflikte werden

uns über 2015

hinaus beschäftigen

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