Leiharbeit als Chance für Flüchtlinge?

Die Leiharbeit galt lange als Schmuddelbranche der deutschen Wirtschaft. Doch bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt spielt sie eine größere Rolle.

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    Flüchtlinge füllen bei einer Jobbörse in Berlin einen Fragebogen aus. Auch Leiharbeit kommt für den Einstieg in den Arbeitsmarkt in Frage. Foto: 
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    Zeitarbeitsfirmen liegen vorne Foto: 
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Die Bilanz von Hofmann Personal ist beachtlich: 244 Flüchtlinge hat das Zeitarbeitsunternehmen nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr bundesweit eingestellt, in diesem Jahr sind es bereits 317. Sie kamen als Helfer in der Metall- und  Elektroindustrie oder als Lagerarbeiter unter. Die Firma mit Hauptsitz in Nürnberg vermittelt aber auch Flüchtlinge an Daimler für ein „Brückenpraktikum“ – eine Art Schnupperkurs, um die Arbeit in einem deutschen Industriebetrieb kennenzulernen. „Wir sind eine Branche, die Menschen integrieren und ihnen Chancen eröffnen kann“, betont Stefanie Burandt, Sprecherin von Hofmann.

Erfahrung mit Ungelernten

Ausgerechnet die Leiharbeit, die lange Zeit als Schmuddelbranche der deutschen Wirtschaft galt, hat bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt eine Hauptrolle übernommen. Ausgerechnet? Für Thomas Hetz, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister, ist das keine Überraschung: „Die Zeitarbeit ist prädestiniert für Gruppen, die keine normalen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben“, sagt Hetz gegenüber unserer Zeitung. Migranten gehörten dazu, insbesondere wenn sie keine mit deutschen Standards vergleichbare Ausbildung haben. Die wenigen Jobs, die dann in Frage kommen, finden sich inzwischen vor allem in der Leiharbeit. Der Anteil der Hilfskräfte in der Branche mit ihren insgesamt eine Million Arbeitnehmern liegt Hetz zufolge bei 50 Prozent.

Dass die Leiharbeit bei der Flüchtlingsbeschäftigung  vorne liegt, hat auch eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezeigt. Demnach haben bereits rund 13 Prozent aller Zeitarbeitsbetriebe geflüchtete Menschen angestellt, gut ein Viertel dieser Unternehmen hat zumindest Erfahrungen mit ihnen gesammelt, etwa bei Bewerbungsgesprächen. In der Gesamtwirtschaft hatten im Vergleichszeitraum Oktober bis Dezember 2016 gerade mal 3,5 Prozent der Betriebe Flüchtlingen eine Chance gegeben.  Etwa jeder fünfte Flüchtling, der eine Arbeit aufnimmt, ist laut Bundesagentur für Arbeit bei einem Leiharbeitsbetrieb unter Vertrag.

Die Gewerkschaften sehen dies kritisch, sind atypische Beschäftigungsverhältnisse, zu denen die Leiharbeit zählt, für sie doch generell ein rotes Tuch. Im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) will man sich der Entwicklung aber auch nicht verschließen. Johannes Jakob, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik, sieht negative wie positive Seiten. „Bei Leiharbeit handelt es sich in der Regel wenigstens um ein legales Arbeitsverhältnis, das ist gut“, sagt er. Leiharbeit könne Flüchtlingen auch den Zugang zu produzierenden Betrieben erleichtern. „Eine schnelle Beschäftigung in Leiharbeit verhindert aber oft, dass Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen und die deutsche Sprache lernen“, schränkt Jakob ein. „Außerdem erschwert der häufige Wechsel der Betriebe eine stabile Integration.“

In einer noch unveröffentlichten DGB-Analyse zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, die der SÜDWEST PRESSE vorliegt, heißt es: „Finden Flüchtlinge verstärkt in Leiharbeit eine Beschäftigung, birgt dies die Gefahr, dass sie nicht aus prekären Beschäftigungen herauskommen.“ Das könne auf Ausbeutung hinauslaufen. Dennoch räumt der Gewerkschaftsbund in dem Papier ein, dass solche Jobs ein „Einstieg“ sein könnten, „aber es ist notwendig, dass auch während der Beschäftigung Weiterbildung angeboten wird.“ Und weiter: Aus den Erfahrungen von Leiharbeitsfirmen mit „guten Arbeitsbedingungen“ könne man lernen. „Sie können hilfreich sein, um den ersten Kontakt der Flüchtlinge mit der deutschen Arbeitswelt besser zu organisieren.“

Die Hürden sind hoch, um überhaupt Fuß auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu fassen. Fehlende Deutschkenntnisse sind das größte Manko. Diese sind für das Verständnis von Arbeitsabläufen und Arbeitsschutzmaßnahmen unerlässlich. Auch Grundqualifikationen wie Rechnen fehlen oft, hinzu kommen kulturelle Unterschiede. Stefanie Burandt von Hofmann Personal sagt: „Wir beobachten, dass sich ein Teil der Menschen hart tut mit unserer hochindustrialisierten Arbeitswelt. Wir beobachten aber auch eine Lernbereitschaft.“ Dem Vorwurf, die Leiharbeitsbranche verbaue Flüchtlingen den Weg zu einer Ausbildung, hält sie entgegen, „dass die Menschen ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche haben“. Oft sei dieser Wunsch nun mal: schnell arbeiten und Geld verdienen.

Dass es zu Enttäuschungen auf beiden Seiten kommen kann, wird nicht bestritten. Mitunter prallen Welten aufeinander. Es gibt aber auch Beispiele, die einen „Sprungbretteffekt“ belegen: Eines schildert die Hofmann-Niederlassung für den Großraum Mannheim: Zwei irakische Brüder, die bereits 2011 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wurden im September 2016 an ein Logistikunternehmen in Speyer entliehen. Die beiden 23 und 24 Jahre alten Männer machten sich so gut, dass sie nun ein Übernahmeangebot von dem Lagerbetrieb haben – und damit nach einem knappen Jahr aus der Leiharbeit herauskommen.

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