Kulturwandel bei der Arbeit

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Korrespondent Berlin,Autorenfoto 2014,Dieter Keller  Foto: 

Mehr Freizeit statt mehr Geld – dafür hat sich die Mehrheit der Mitarbeiter der Deutschen Bahn entschieden. Nach dem jüngsten Tarifvertrag hatten sie erstmals die Wahl, ob sie ab Anfang 2018 entweder 2,6 Prozent mehr Gehalt oder eine Stunde Arbeit weniger pro Woche oder sechs zusätzliche Tage Urlaub wollten. Das Ergebnis: 56 Prozent entschieden sich für den Zusatz­urlaub, 41 Prozent fürs Geld und weniger als drei Prozent für eine kürzere Wochenarbeitszeit.

Zwar ist das Ergebnis ein Stück weit zu relativieren, weil sich fast ein Drittel der Bahn-Mitarbeiter nicht äußerte. Sie bekommen in den meisten Fällen automatisch mehr Geld. Trotzdem ist der Kulturwandel unübersehbar: Die Beschäftigten wollen Wahlmöglichkeiten und sie nutzen diese anders, als mancher angenommen hätte. Mehr Freizeit hat einen hohen Stellenwert – und das nicht nur in einer unverbindlichen Umfrage, wie sie gern in Tarifrunden zitiert werden, sondern mit konkreten Folgen. Gehaltserhöhungen verlieren an Wert, wozu auch die hohen Abzüge für Steuer und Sozialversicherung beitragen. Zudem ist eine kürzere Wochenarbeitszeit die mit Abstand unbeliebteste Variante.

Arbeitnehmern so viel Wahlfreiheit zu geben, war absolutes Neuland für die Deutsche Bahn. Und es war mutig: Die Personalplanung wird nach diesem Votum noch komplizierter, denn die Bahn muss zusätzliche Mitarbeiter finden. Die Gewerkschaften haben ein Stück Hoheit über den Abschluss aus der Hand gegeben, die Wünsche des Einzelnen gewinnen an Gewicht.

Für andere Branchen stellt sich die Frage, ob dies ein Vorbild ist. Für den Einzelhandel, der gerade in mühsamen Tarifverhandlungen steckt, gilt das weniger: Angesichts der eher bescheidenen Gehälter sind die meisten Verkäuferinnen auf mehr Geld angewiesen. Schon eher für die Metallindustrie, Deutschlands größter Branche, wo die IG Metall laut über ihre Forderungen nachdenkt, wenn zum Jahresende der Tarifvertrag ausläuft.

„Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen“, hat IG-Metall-Chef Jörg Hofmann als Motto ausgegeben. Er will durchsetzen, dass die Wochenarbeitszeit bis zu zwei Jahre lang auf bis zu 28 Stunden pro Woche verkürzt werden kann, und das zumindest bei der Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen mit Lohnausgleich. Von mehr Urlaub oder der freien Wahl zwischen mehr Freizeit oder mehr Geld ist nicht die Rede, auch wenn die Erfahrungen bei der Bahn dafür sprechen. Diese seien nicht übertragbar, hatten die Metaller schon früh herausgestrichen. Warum eigentlich nicht?

Atemberaubend ist die Entwicklung sowohl bei der Bahn als auch bei den Metallern unter dem Aspekt des Facharbeitermangels, den die Wirtschaft zunehmend beklagt. Woher nur sollen die zusätzlichen Mitarbeiter kommen, die nötig sind, wenn immer neue Löcher gerissen werden? Zudem wächst die Kluft zwischen Branchen, die sich großzügige Lösungen leisten können, und anderen mit bescheidener Bezahlung. Gut für den sozialen Frieden ist das nicht.

leitartikel@swp.de

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