Krönung des ungeliebten Kandidaten

Die Republikaner haben Mitt Romney zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gewählt. Doch die Show lief nicht ungestört ab: Es gab viele Buhrufe.

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Mitt Romney wird von seiner Frau Ann mit einem Kuss empfangen. Foto: dpa

Erst hat Mitt Romney und seinen Republikanern das Wetter einen Dämpfer verpasst, dann sind es die eigenen Parteifreunde: Bei der Debatte um die Änderung der Parteistatuten fühlt sich die Fraktion der Radikalliberalen um Ron Paul schwer benachteiligt und bringt dies zum Ausdruck. Romneys Gegner schreien sich die Wut aus dem Leib wie Fußballfans nach einem unberechtigten Elfmeter. Trotz Musik und Luftballons - hinter den Kulissen geht es bei den Republikanern hoch her.

Auf der Bühne dagegen steigt die Krönungsshow. Denn Höhepunkt in der Stadt Tampa ist die Kür Mitt Romneys zum Präsidentschaftskandidaten. Er hat Chancen, Barack Obama im Herbst aus dem Weißen Haus zu jagen. Die offizielle Nominierungsprozedur ist lebhaft, laut und spaßig. "Ich vertrete den großen Staat von Colorado", ruft da etwa eine Stimme aus der Menge. Stolzerfüllt erzählt die Stimme von den großartigen Landschaften, den Flüssen und Seen des wunderschönen Staates. "Colorado 28 Stimmen für Mitt Romney."

So geht es Staat für Staat. Alle 50 Bundesstaaten kommen dran, jedes Mal brüllen die Delegierten ihren Stolz aus dem Leib. Abstimmungen bei deutschen Parteitagen erscheinen da wie ein bierernstes Ritual. Ein paar Stimmen fallen auch auf Ron Paul ab, etwa drei aus Georgia und drei aus Hawaii. Aus Iowa kommen sogar 22 Stimmen für Paul, lediglich sechs für Romney. Irritiert das Romney? Der Parteitag hat ihm einen Denkzettel verpasst: Die gesamte Partei steht nicht hinter ihm. Eines wird in Tampa klar: Gute Laune und beinharte politische Auseinandersetzung liegen beim Parteitag nahe beieinander.

Als die notwendigen Stimmen für Romney endlich erreicht sind, kennt der Jubel denn auch keine Grenzen mehr. "Mitt, Mitt, Mitt", ruft die Menge. Doch die Parteitagsinszenierung serviert noch einen zweiten Leckerbissen. Es geht um Emotionen pur. Im knallroten Kleid tritt Romneys Ehefrau Ann auf die Bühne. Sie stimmt einen Lobgesang auf ihren Mann an, den sie bereits als Schülerin kennengelernt hatte und dem sie mit nur 20 Jahren das Jawort gab.

Mitt sei keineswegs jener eiskalte Manager und als Chef des Wall Street Unternehmens Bain Capital jener herzlose Jobkiller, den die Demokraten seit Monaten dämonisieren. "Hören Sie jetzt gut zu", versucht die Gattin des republikanischen Hoffnungsträgers den Kandidaten neu zu erfinden. "Mitt redet nicht darüber, wie viel er anderen hilft. Für ihn ist Nächstenliebe nämlich ein Privileg und nicht etwas, woraus man politisches Kapital schlägt." Ob in der Kirche, bei Nachbarn oder als Gouverneur von Massachusetts, wo unter ihm die Arbeitslosenrate auf das Rekordtief von vier Prozent gedrückt und öffentliche Schulen als die besten in Amerika eingestuft wurden, "ist Mitt ein Mann den Amerika braucht. Er wird nicht versagen."

Andere Redner wie New Jerseys Gouverneur Chris Christie ziehen in feurigen Vorträgen schonungslos über Präsident Obama her, der einen steigenden Schuldenberg vor sich herschiebe, keine Lösung für die hohe Arbeitslosigkeit gefunden habe und Amerika angeblich in den wirtschaftlichen Ruin stürzt. Ann Romney allerdings beschränkt sich darauf, die "Liebe ihres Lebens" in leuchtenden Farben zu schildern. Ob es damit aber gelingt, ihren steinreichen Mann, der einen großen Teil seines Vermögens auf geheimen Schweizer Nummernkonten geparkt hat, als Durschnittsamerikaner zu verkaufen, ist zweifelhaft.

Wie nämlich aus einer zeitgleich veröffentlichen Umfrage von ABC News und der Washington Post hervorgeht, war kein republikanischer Spitzenkandidat in der Geschichte so kurz vor der Wahl so unpopulär wie Mitt Romney. Demnach genießt er die Sympathien von nur 40 Prozent der Amerikaner. Vor allem bei Frauen, die mehr als die Hälfte der registrierten Wähler stellen, muss der Kandidat noch Boden gutmachen, will er am 6. November eine Chance gegen Obama haben.

Obwohl Tropensturm Isaac Floridas mittlere Golfküste nur gestreift hat, wirft er dunkle Schatten über Romneys Krönungsritual. Als Ann Romney spricht, hat das Auge des tropischen Sturmsystems gerade den Südosten Louisianas erreicht und nimmt weiter Kurs auf die Küstenstadt Baton Rouge sowie New Orleans. Dort hatte der Jahrhunderthurrikan Katrina auf den Tag genau sieben Jahre zuvor verheerenden Schaden angerichtet.

Dass den Amerikanern Bilder des damaligen Präsidenten George W. Bush noch frisch in Erinnerung sind, der mit dem Hubschrauber "Marine One" die überschwemmte Stadt überflog, sich aber zu schade war, um auszusteigen und die Opfer zu trösten, ist seinen Parteifreunden durchaus bewusst. Nach Bushs Debakel erneut den Eindruck zu erwecken, als fehle ihnen das Mitgefühl für die Opfer des Sturms, wäre ein politisches Desaster.

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