Kritik an IW-Vorstoß für Rente mit 73

Finanzminister Schäuble hatte beim Thema Renteneintritt vorgelegt, dann kam die Versicherungswirtschaft. Nun macht das Wirtschaftsinstitut IW Druck.

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Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) plädiert für eine weitere Heraufsetzung des Rentenalters. Nur durch längeres Arbeiten könnten steigende Rentenbeiträge und ein sinkendes Rentenniveau vermieden werden, sagte IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt der „Bild“-Zeitung. „Wenn nicht stärker privat und betrieblich vorgesorgt wird, müsste das Eintrittsalter weiter erhöht werden: bis 2030 auf 69 Jahre und bis 2041 auf 73 Jahre.

Unter Berufung auf Daten der Rentenversicherung berichtete das Blatt, dass Ruheständler so lange Rente bezögen wie nie zuvor. 2015 sei die durchschnittliche Bezugsdauer bei Frauen auf 22,8 Jahre (reguläre Altersrente), bei Männern auf 18,78 Jahre gestiegen. 2010 erhielten Frauen im Schnitt 22,09 Jahre Rente, Männer 17,51 Jahre.

Der IW-Vorstoß wurde teils scharf kritisiert. Der Rentenexperte Gert G. Wagner warnte davor, „jetzt das Schreckensbild einer Altersgrenze von 73 Jahren an die Wand zu malen“. Der SÜDWEST PRESSE sagte das Vorstandsmitglied  des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, dass die Altersgrenze bis 2031 stufenweise auf 67 Jahre erhöht wird. „Ich sehe nicht, dass man vorher eine höhere Grenze ins Auge fassen muss und sollte“, sagte Wagner, der auch dem Sozialbeirat der Bundesregierung vorsteht.

Nach 2030 werde die Altersstruktur ungünstiger, und eine Diskussion über die Altersgrenze sei sinnvoll, so Wagner. „Dabei sehe ich persönlich gar nicht die Finanzierung der Renten im Vordergrund, sondern die Lebenspläne der einzelnen Menschen.“ Entscheidend sei, wie mit denen umgegangen werde, die wegen gesundheitlicher Probleme oder ihrer Qualifikation mit den modernen Anforderungen nicht mehr Schritt halten können und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. „Leider haben wir alle dafür noch keine befriedigende Antwort.“ Die Erwerbsminderungsrenten könnten verbessert werden, dürften aber nicht höher sein als früh genommene flexible Altersrenten.

IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban sagte, wer jetzt eine drastische Anhebung des Renteneintrittsalters fordere, versuche „ein bekanntes Phänomen zu skandalisieren“. Dass die Rentenbezugszeiten länger würden, sei ein bekannter Trend, der den Rentenreformen der letzten Jahre zugrunde liege.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, kritisierte, Vorschläge wie der vom IW gingen „vollkommen an der Realität vorbei“. „Die meisten haben doch schon Mühe, ihren Job bis 65 oder gar 67 auszuüben“, sagte Mascher.

Vor kurzem hatte die deutsche Versicherungswirtschaft deutlich gemacht, dass die Bürger künftig länger bis zur Rente arbeiten müssten als heute. Ansonsten drohten eine enorme Belastung der Steuerzahler und ein rapides Absinken des Rentenniveaus.

Debatte und Pläne

Thema Seit Beginn des Jahres ist das Renteneintrittsalter immer wieder Diskussionsstoff. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat nun mit der Zahl 73 den bisher höchsten Wert in die Debatte eingebracht. Grundlage für solche Projektionen sind Studien, wonach die geburtenstarken Jahrgänge inzwischen verstärkt in Rente gehen. Zugleich steigt die Lebenserwartung: 65-jährige Männer werden heute im Schnitt älter als 82, Frauen fast 86.

Vorhaben Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) will den Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge quasi als drittes Standbein der Rentenfinanzierung forcieren. Zudem hat sie einen Entwurf für eine Flexi-Rente vorgelegt, der mehr Menschen zum Arbeiten bis zur Regelaltersgrenze motivieren soll. dpa

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