Kontakte zur Unterwelt

Kontakte zu einer zwielichtigen Gestalt haben Serbiens Regierungschef Ivica Dacic in Bedrängnis gebracht. Eine plausible Rechtfertigung für die Treffen kann der Kämpfer gegen Korruption bisher nicht bieten.

|
Der serbische Premierminister Ivica Dacic steckt in Erklärungsnot. Als Innenminister soll er sich drei Mal mit einem Partner eines gesuchten Drogenbosses getroffen haben. Angeblich wusste er nicht, um wen es sich handelt. Foto: afp

Was haben der Polizeiminister und ein Großgangster miteinander zu bereden? Mitten in den entscheidenden Verhandlungen um eine Aussöhnung mit dem Kosovo ist Serbiens Regierungschef Ivica Dacic schwer unter Druck geraten. Dacic musste zugeben, dass er sich drei Mal mit einem Partner des gesuchten Drogenbosses Darko Saric getroffen hatte. Er habe von der Verbindung des Mannes zum Kokain-Großhändler Saric nichts gewusst, verteidigt sich der Premierminister. Eine plausible Erklärung für die Treffen ist der Regierungschef der serbischen Öffentlichkeit bisher aber schuldig geblieben.

Als Dacic den zwielichtigen Besucher empfing, war er gerade Innenminister und profilierte sich als unerschrockener Kämpfer gegen Korruption und organisiertes Verbrechen. Sein Besucher dagegen, ein Mann mit dem Spitznamen Mischa Banana, war bei der von Dacic geführten Polizei nicht nur kein Unbekannter, sondern sogar Gegenstand aktueller Ermittlungen. Schon in den 1980er Jahren war der heute 63-jährige Rodoljub Radulovic mit einer eigenen Firma ins internationale Ölgeschäft eingestiegen. Weil er überall unbezahlte Rechnungen hinterließ, geriet er über die Jahre in Griechenland, Russland, Spanien, Argentinien und den USA ins Visier von Ermittlern. Polizei und Verfassungsschutz in Serbien ließen den Mann laufen, verfolgten aber sehr genau, mit wem er Kontakt aufnahm.

Welche Erklärung man für die Treffen auch findet, für den heutigen Premierminister ist jede mehr oder weniger unangenehm. Die schlimmste wäre: Dacic hängt selbst im kriminellen Netzwerk. Ein Dreivierteljahr nach dem letzten Treffen zwischen dem Politiker und dem "umstrittenen Geschäftsmann" wurden im Zuge einer lange vorbereiteten internationalen Polizeiaktion auf einem Fluss in Uruguay mehr als zwei Tonnen Kokain sichergestellt. Gechartert hatte das Schiff der Montenegriner Darko Saric, der schon lange im Verdacht stand, den Transport des weißen Gifts von Lateinamerika nach Europa zu kontrollieren. Saric selbst entkam allerdings bei der Aktion. Für diesen schweren Betriebsunfall beschuldigten sich seinerzeit gegenseitig die serbische und die montenegrinische Regierung, die bei der "Aktion Balkan-Krieger" beide mitgewirkt hatten. In Montenegro äußerte der Regierungschef sogar den Verdacht, jemand in der serbischen Regierung decke den Drogen-Großhändler. Seit die Treffen bekannt sind, keimt der Verdacht auf, Ivica Dacic könne derjenige gewesen sein.

Doppelt peinlich ist aber auch die dünne Rechtfertigung, die Dacic selbst anbietet. Sollte er vom Vorleben und den engen Geschäftsverbindungen seines Besuchers wirklich nichts gewusst haben, so war er in seiner Eigenschaft als Polizeiminister gewiss nicht der große Koordinator, für den er sich ausgab - eher doch bloß ein ahnungsloser Politiker, der sich mit den Erfolgen seiner Beamten brüstete. Überdies gibt Dacic mit seiner Rechtfertigung zu, dass er seine Polizei gar nicht im Griff hatte. Wenn "Mischa-Banana" sich tatsächlich als irgendein Geschäftsmann bei Dacic eingeschlichen hätte, wäre es Sache der Ermittler gewesen, den Minister zu warnen. Möglicherweise, wird jetzt in Belgrad geargwöhnt, sei Dacic in eine Falle gelockt worden.

Auch die dritte mögliche Erklärung gereicht dem Regierungschef nicht zur Ehre: Er könnte - nach alter Sitte - mit dem Saric-Verbindungsmann einen Deal geschlossen haben, etwa Straffreiheit gegen Verrat von Geschäftsgeheimnissen der Drogenszene. Schon als er während seiner Amtszeit als Innenminister die gesuchten bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic verhaften und nach Den Haag ausliefern ließ, wurden Dacic solche Deals immer wieder unterstellt.

Gegen die Version spricht allerdings, dass Radulovic seinem Partner Saric in - abgehörten - Telefongesprächen von den Treffen mit Dacic berichtete. Die beiden belegten den Vorsitzenden der sozialistischen Partei dabei mit dem Decknamen "Genosse". Er habe dem Politiker auch ein Blackberry-Handy geschenkt, berichtete Mischa Banana am Telefon - was Dacic aber dementiert hat.

Der 43-jährige Darko Saric, der aus Pljevlja in Montenegro stammt, gehört nach allem, was man weiß, zu den ganz Großen im internationalen Drogenhandel. Sein Aufenthaltsort wird in Südafrika oder Lesotho vermutet. Ein serbischer Minister schätzte einmal, sein Imperium setze pro Tag eine Milliarde US-Dollar um. In jedem Fall produziert das Kokain-Geschäft einen enormen Geldwäschebedarf. Banken in der Region, aber auch in Österreich und den Niederlanden, stehen in Verdacht, Einlagen aus den Drogenerträgen über ihre Konten geleitet zu haben.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Die Entsorgungsbetriebe Ulm wollen sechs weitere Häckselplätze schließen

Die Entsorgungsbetriebe Ulm (EBU) wollen sechs weitere Häckselplätze schließen. Der Betriebsausschuss sieht bisher nur bei der „St.-Barbara-Straße“ am Kuhberg eine Notwendigkeit. weiter lesen