KOMMENTAR · BRASILIEN: Protest nach der Party

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Damit hätte Präsidentin Dilma Rousseff wohl am wenigsten gerechnet. Explodierende Baukosten, meckernde Fifa-Funktionäre und Sicherheitsprobleme - all das war einkalkuliert für die Fußball-WM und die Olympiade. Dass plötzlich die Bevölkerung nicht mehr mitspielt, und statt Party nun Protest herrscht, das passt so gar nicht zum Bild, das Brasilien von sich selbst hat und der Welt vermittelt. Doch der Cocktail braut sich schon länger zusammen. Zwar steckten Rousseff und ihr Parteifreund und Amtsvorgänger Luiz Inácio "Lula" da Silva jahrelang viele Milliarden in Sozialprogramme und sorgten so für den Aufstieg von rund 40 Millionen armen Brasilianern in die Mittelschicht.

Doch gleichzeitig blieben andere wichtige Reformen aus. Das staatliche Gesundheits- und Bildungssystem liegen darnieder und zementieren die soziale Bresche, die in Brasilien noch immer enorm ist. Politiker, Militärs und Richter gehören noch immer zu den Privilegierten, die ein Vielfaches von Akademikern verdienen und mit hundert Prozent ihres Gehalts in Rente gehen können. Die Wirtschaft ist protektionistisch abgeschottet und verschafft Unternehmern und Bankern Rekordgewinne, während Konsumenten für minderwertige Waren absurd hohe Preise bezahlen müssen. Das Gewaltniveau ist hoch, die Infrastruktur miserabel - und das trotz sehr hoher Steuern im Vergleich zum Rest Lateinamerikas. Nun begehrt die neue Mittelschicht auf. Gegen die Politiker, aber auch gegen die "Privilegierten". Rousseff wird ihr ganzes politisches Geschick aufbringen müssen, um diesen explosiven Cocktail ein Jahr vor der WM und den nächsten Wahlen zu entschärfen.

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