Nukleartest in Nordkorea: Kims sechste und gefährlichste Bombe

Nordkorea hat am Sonntag seinen bislang stärksten Nukleartest vorgenommen und nach eigenen Angaben eine Wasserstoffbombe gezündet.

|
Eine Mitarbeiterin der südkoreanischen Erdbeben- und Vulkan-Behörde informiert über ein vermutlich künstlich ausgelöstes Beben in der Region.  Foto: 

Erschütterungen sind die Chinesen an der Grenze zu Nordkorea nach fünf Nukleartests zwar gewohnt. Doch dass die Erde so schlimm beben würde wie an diesem Sonntagmittag – damit hat dann doch keiner gerechnet. „Ich habe meine Unterhose angezogen und bin nur gerannt“, schreibt ein Bewohner der Grenzregion Yanbian über den Kurznachrichtendienst Wechat. Zehntausende seien panisch aus ihren Häusern gerannt, berichtet das chinesische Staatsfernsehen.

Zum sechsten Mal hat das Regime in Pjöngjang unterirdisch eine nukleare Bombe testen lassen. Von „mindestens zwei schweren Erschütterungen“ berichten die chinesischen Staatsmedien. Zunächst habe es auf nordkoreanischer Seite mittags gegen 12.30 Uhr eine schwere Explosion gegeben. Erdbebenwarten weltweit haben eine Magnitude der Stärke 6,3 am Ort der Explosion gemessen – zehn Mal stärker als der Test vor einem Jahr, dem bis dahin stärksten Nukleartest der Nordkoreaner.

Die Bestätigung aus Pjöngjang ließ nicht lange auf sich warten. In ein rosa Gewand gekleidet verkündete eine freudestrahlende Nachrichtensprecherin mit feierlicher Stimme etwa eine Stunde später die „erfolgreiche Zündung einer Wassserstoffbombe“. Sie habe „eine beispiellose Kraft“ entfaltet und sei ein „sehr bedeutsamer Schritt beim Erreichen des Ziels, zu einer Atommacht aufzusteigen. Zudem könne mit dieser Bombe auch eine Langstreckenrakete bestückt werden. Ob es sich jedoch um die Explosion einer Wasserstoffbombe handelte, wie von Nordkorea behauptet, wird derzeit noch geprüft.

Der Zorn über Nordkoreas erneuten Test ist weltweit groß. Japan forderte unverzüglich eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates, bereits zum zweiten Mal in einer Woche. Erst am Dienstag versetzte der nordkoreanische Diktator Japans Bewohner in Angst, als er eine ballistische Rakete über den Norden des Inselstaates feuern ließ.

Nordkorea hat mit Waffentests wiederholt gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verstoßen – bislang gab es sieben Sanktionsrunden. Nachdem Pjöngjang im Juli zwei Interkontinentalraketen getestet hatte, die womöglich auch Ziele auf dem US-Festland erreichen können, hatte der UN-Sicherheitsrat eine Verschärfung der Strafmaßnahmen beschlossen.

Auch China ist verärgert. Das Außenministerium verurteilte in ungewöhnlich scharfen Worten das Vorgehen Nordkoreas und kündigte „entschiedenen Widerstand“ an. Nordkorea solle aufhören, „falsche Aktionen zu unternehmen, die die Situation verschlimmern“. Das Umweltministerium aktivierte erstmals einen neuen Krisenmechanismus zur Überwachung der Radioaktivität in den drei Nordkorea am nächsten gelegenen Provinzen. Die Messergebnisse seien aber „normal“, hieß es.

Kommentar zu Nordkorea: Nur Gespräche mit Kim Yong Un mindern die Bedrohung

Er hat es getan. Schon wieder. Zum sechsten Mal hat Nordkoreas Machthaber Kim Yong Un eine Nuklearbombe getestet. Sie war mehr als zehn Mal so stark wie der Test vor einem Jahr. Was aber noch viel gravierender ist, ist die politische Sprengkraft. Beim Test regierte noch ein besonnener US-Präsident. Mit Trump steht ein Mann an der Spitze der USA, der selbst zu Unberechenbarkeit neigt. Beeindrucken lässt sich Kim davon nicht. Warum auch – so kurz vor dem Ziel.

Viele Möglichkeiten zur Eindämmung der Nordkorea-Krise hat die Welt nun nicht mehr. Denn ein Angriff, wie Trump ihn erwägt, wäre verheerend. Südkoreas Hauptstadt Seoul mit ihren über 20 Millionen Einwohnern ist ein globales Kraftzentrum. Auch ohne Nuklearwaffen könnte Nordkorea die Region binnen kurzer Zeit in Schutt legen – mit Folgen für die ganze Weltwirtschaft.

Nicht einmal mit noch schärferen Sanktionen lässt sich das Kim-Regime bändigen. Denn das würde das Regime dazu verleiten, noch aggressiver aufzutreten. Die Erfahrung mit Japan im Zweiten Weltkrieg zeigt, dass die Japaner nach verschärften Sanktionen sich noch stärker hinter ihr mörderisches Kriegsregime stellten.

Als einzige Option bleiben Verhandlungen. Washington sollte sich dazu durchringen, Diplomaten nach Pjöngjang zu schicken und mit dem Regime über Lebensmittelhilfe reden. Das ist, was Kim für sein Land will. Nur das sichert den Frieden.

Eines steht allerdings auch bei dieser Option fest: Auf eine Denuklearisierung wird sich Pjöngjang nicht einlassen. So bitter das klingt: Der Welt bleibt nichts anderes übrig als Nordkorea als Atommacht zu akzeptieren – dauerhaft.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kirchen-Schmierereien waren ein Aufschrei gegen Autoritäten

Drogen, Schulversagen und Probleme im Elternhaus: Das waren die Motive eines 20-Jährigen, der im Frühjahr drei Kirchen im Illertal mit Schriftzügen wie „Heil Satan“ beschmiert hatte. Jetzt geht er in eine Langzeittherapie. weiter lesen