Keiner wills gewesen sein

Schuld sind meist die anderen. Ob Industrie, Handel oder Verbraucher: Die Verantwortung für massenhafte Lebensmittelvernichtung wird kleingeredet oder geleugnet. Unfreiwillige Gewinner sind die Tafelläden.

|

Die Erzeuger: "Die Landwirtschaft ist ein Sonderfall", sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands. Noch gebe es keine exakten Zahlen über die Vernichtung von Lebensmitteln auf deutschen Höfen, das Verbraucherschutzministerium wolle diese erst erheben. Doch schon heute weiß Lohse: Kein Bauer vernichtet jemals etwas, das er zuvor angebaut hat.

Zu kleine Kartoffeln, überschüssigen Salat und Getreidereste pflügt der Landwirt demzufolge unter, um den Boden fruchtbar zu halten. Mickrige Äpfel werden zu Saft und Mus verarbeitet oder sie landen im Schweinetrog. Schweineöhrchen wiederum und Hühnerfüße führt man nach China aus, wo sie als Delikatesse gelten. Und wenn die Schweine satt und die Felder gut gedüngt sind? Dann wandere der Rest in die Biogasanlage. Lebensmittelvernichtung? "So würde ich das auf keinen Fall nennen", sagt Lohse.

Die Lebensmittelindustrie: "Mit diesen Zahlen sind wir nicht einverstanden", sagt Peter Feller, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. 1,85 Millionen Tonnen werfe die Industrie pro Jahr in den Müll, heißt es in der Studie, die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) jetzt vorgelegt hat. Eigene Erhebungen macht der Verband nicht, das sei nicht erforderlich. "Wir produzieren kaum Abfall, arbeiten effizient, unsere Gewinnmargen sind ohnehin niedrig". Das Hauptproblem liege beim Verbraucher, er verstehe den Sinn des Mindesthaltbarkeitsdatums oft nicht.

Den Vorwurf, mancher Lieferant zwinge den Handel, mitunter mehr Ware anzunehmen, als bestellt worden ist und sorge so für ein Überangebot, hält Feller für Unsinn. Wie auch den Ruf nach kleinen Verpackungen für die vielen Single-Haushalte. Darauf habe man längst reagiert. Verbraucher, die das anders sehen, nutzten das "als Ausrede" für ihr eigenes Konsumverhalten.

Der Handel: "Wir vernichten von allen Beteiligten am wenigsten Lebensmittel." Diese Feststellung von Christian Böttcher, dem Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, stimmt mit der Studie des Ministeriums überein. "Jeder Händler, der Ware zu großzügig aussortiert, macht früher oder später pleite. "

Im übrigen aber bemühe sich der Handel lediglich, die Wünsche der Kunden zu bedienen. Frische und viele Brotsorten auch in den Abendstunden, makelloses Obst selbst nach langen Transportwegen, Molkereiprodukte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum möglichst weit in der Zukunft, vor allem aber prallvolle Regale, sodass jeder stets findet, was er sucht. Was übrig bleibt, weil neue, frische Ware eingetroffen ist, "landet in den Tafelläden für Bedürftige." Das trifft nicht immer zu. Der Filmemacher Valentin Thurn erzählt in seinem Streifen "Taste the waste" von einem Supermarktleiter, der zum ersten Mal vor der Kamera etwas an einen Tafelladen abgab, zuvor aber behauptet hatte, er mache das schon seit Jahren so.

Die Verbraucherzentrale: "Der Kunde will das so." Diesen Satz kann Christiane Manthey, Beraterin in der Stuttgarter Zentrale, nicht mehr hören. "Es sind die Lebensmittelmittelindustrie und der Handel, die den Konsum immer weiter ankurbeln." Das riesige Angebot - "Wer will schon zwischen 25 weißen Joghurts wählen?" - sei Ausdruck knallharter Konkurrenz. Jeder wolle den anderen übertreffen, um neue Kunden anzuziehen und zu halten.

Dazu gehöre auch der Preiskrieg der Discounter. Die Botschaft: Je billiger die Ware, je größer die Verpackung, desto besser das Angebot. Mit dieser Strategie mache sich der Handel zunutze, dass viele Kunden zu wenig Zeit zum Einkaufen hätten, viel auf Vorrat kauften und angesichts steigender Energiepreise und hoher Mieten weniger Geld für Lebensmittel ausgeben könnten. Die Tipps aus dem Aigner-Ministerium zur Müllvermeidung hält Manthey vor diesem Hintergrund für " ziemlich banal". Die Mehrheit der Verbraucher schiebt denn auch den Schwarzen Peter weiter: 59 Prozent sehen in erster Linie Hersteller und Handel in der Pflicht.

Die Tafelläden: Die Ware soll appetitlich aussehen, von guter Qualität und noch einige Tage haltbar sein. "Das ist unser Anspruch, denn auch unsere Kunden haben eine Würde", sagt Rolf Göttner, Vorsitzender des Landesverbandes der Tafeln in Baden-Württemberg. Das zu erfüllen, ist nicht schwierig: Jeden Werktag fahren die ehrenamtlichen Mitarbeiter zu Supermärkten, um "Unverkäufliches" abzuholen und für bis zu 20 Prozent des Preises an Bedürftige zu verkaufen.

Und auch die Lebensmittelhersteller geben Ware ab. 10 000 Dosen mit Wurst, Paletten voller Fruchtjoghurt und eineinhalb Tonnen einer mit Ei legierten Spargelsuppe. "Die frische Dosenwurst trug durch ein Missgeschick ein fehlerhaftes Mindesthaltbarkeitsdatum", sagt Göttner. "Der Fruchtjoghurt war durch einen Produktionsfehler ein Erdbeer-Bananen-Mix. Der Grund für die "Untauglichkeit" der Spargelsuppe hat uns sprachlos gemacht: Der Gelb-Ton der Suppe war nicht identisch mit jenem auf dem Verpackungsfoto."

Manchmal "spendet" der Handel massenweise abgepacktes Grillfleisch - wenn, anders als vorhergesagt, nicht die Sonne scheint, sondern der Regen prasselt. "An diesen Tagen", sagt Göttner, "sind wir besonders glücklich."

Die Wertschätzung für Lebensmittel habe sich verändert. "Mir tut es leid, wenn ich ein Stück Brot wegwerfe", sagt Göttner. In der Generation seiner Tochter sei das schon anders. "Lebensmittel scheinen ein unendliches Gut zu sein, immer verfügbar" - und in Deutschland so billig, dass der Sprachgebrauch inzwischen ein neues Wort kennt: Den Mülltaucher. Er fischt sich seine nächste Mahlzeit aus der Tonne an der nächsten Ecke.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ringen um jeden Lehrling

Die Ausbildungszahlen bei der IHK bleiben praktisch stabil. Dafür sorgen nicht zuletzt Flüchtlinge, die auch den kriselnden Kochberuf retten. weiter lesen