Kein Beton mehr auf die grüne Wiese

Die Bevölkerungszahl sinkt. Ziel müsste daher sein, gar keine neuen Flächen mehr zu verbrauchen, sagt Nicola Krettek vom Naturschutzbund Deutschland. Doch die Politik handelt nicht konsequent.

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Nicola Krettek: Die Folgekosten werden der Allgemeinheit aufgebürdet. Foto: NABU

Woher rührt der hierzulande weitgehend sorglose Umgang mit dem Flächenverbrauch?

KRETTEK: Von einer höchst subjektiven Wahrnehmung. Im ländlichen Raum bekommen wir immer wieder zu hören: Landschaft haben wir hier doch genug. Viele Städter wiederum brauchen nicht lange bis ins nächste Naherholungsgebiet. Dadurch entsteht der Eindruck, wir seien umgeben von Natur. Vor allem aber ist das Einfamilienhaus im Grünen für viele Menschen noch immer ein Traum, den sie um jeden Preis verwirklichen wollen.

Wie schwierig ist es, gegen diese Bilder anzuarbeiten?

KRETTEK: Sehr schwierig, denn sie haben sich über Jahrzehnte in den Köpfen festgesetzt. Das Problem ist, dass die Folgekosten des Flächenverbrauchs und der -versiegelung nicht der Verursacher trägt, sondern dass sie sozialisiert, also der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Woran denken Sie?

KRETTEK: Einen extremen Fall erleben wir gerade beim Hochwasser. Ich denke aber auch an die Kosten, die bei einer Bebauung der grünen Wiese entstehen - für zusätzliche und breitere Straßen, die gepflegt und erhalten werden müssen. Durch den Bevölkerungsrückgang werden die Lasten auf immer weniger Schultern verteilt. Die Frage ist: Wollen wir uns das aufbürden?

Die Länder und der Bund wollen den täglichen Flächenverbrauch bis zum Jahr 2020 von 81 auf 30 Hektar verringern.

KRETTEK: Davon sind wir weit entfernt, auch wenn wir nicht mehr so viel bebauen wie noch vor 10 oder 20 Jahren. Die Politik sollte nicht nur darauf setzen, dass allein der demographische Wandel den Flächenverbrauch verringern wird. Bei einer sinkenden Bevölkerungszahl müsste das Ziel sein, gar keine Flächen mehr zu verbrauchen. Oder aber, wenn neue bebaut werden, andere der Natur zurückzugeben.

Was ist politisch zu tun, damit der Flächenverbrauch deutlich sinkt?

KRETTEK: Es geht darum, den Innenbereich der Städte und Gemeinden besser zu nutzen - also Lücken zu bebauen, Leerstände zu füllen, Grundstücke zu teilen, statt um den Ort herum die nächste Neubausiedlung zu planen. Dazu gehört auch, neue Gewerbeansiedlungen auf der grünen Wiese zu unterbinden.

Mit welchen Bürgermeistern wollen Sie das verwirklichen?

KRETTEK: Einige Vorreiter unter ihnen sagen inzwischen durchaus: Es muss Schluss damit sein, dass wir erst durch einen Discounter-Dickicht fahren, dann durch die Neubausiedlung, bis wir den Ortskern erreichen, der vor sich hinbröselt. Sanieren und bauen wir lieber dort.

Was erwarten Sie von Bund und Ländern?

KRETTEK: Dass sie das Fördersystem auf ihr Ziel abstimmen. Warum gibt die KfW-Bank, die für den Bund die Bauförderung übernimmt, Kredite für Neubauten auf der grünen Wiese, statt ihr Angebot auf den Innenbereich der Städte und Gemeinden zu beschränken? Warum werden Fördermittel für Kommunen nicht daran gebunden, ob sie ein umweltfreundliches Entwicklungskonzept haben? Was ist so schwer daran, nur flächensparendes Bauen zu belohnen?

Info Die Ingenieurin Nicola Krettek ist Referentin für nachhaltige Siedlungsentwicklung des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) in Berlin.

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