Katalonien: Eine virtuelle Republik

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    Der entmachtete Regionalpräsident Carles Puigdemont wird von Anhängern gefeiert und wie ein Star fotografiert. Foto: 
  • Kike Porta und seine Frau ­demonstrieren für die Einheit Spaniens. 2/2
    Kike Porta und seine Frau ­demonstrieren für die Einheit Spaniens. Foto: 
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Die Straßen gehören an diesem Wochenende in Barcelona allen. Vor allem, wie immer, den Touristen. Die Hotels berichten seit Wochen von beunruhigenden Buchungsrückgängen, aber voll ist die Stadt trotzdem, im Gotischen Viertel hört man alle Sprachen dieser Welt.  Und der katalanische Freiheitskampf? Carles Puigdemont hat diesen Begriff am Samstag in einer kurzen Fernsehansprache benutzt: „Wir werden weiter daran arbeiten, ein freies Land aufzubauen“, versprach er. Als wäre Katalonien ein unfreies Land.

Falls es so sein sollte, ist davon nichts zu spüren. Am Freitag feierten auf der Plaça Sant Jaume noch knapp 20 000 Menschen die gerade vom Regionalparlament ausgerufene katalanische Republik. Einen Tag später weht über Puigdemonts Regierungspalast neben der katalanischen noch immer die spanische Flagge. Ein friedliches Bild.

„Ich glaube, sie sind erstmal erleichtert“, meint Kike Porta. „Man musste nur ihre Gesichter sehen, von Euphorie keine Spur.“ Die Leute, von denen er spricht, sind die Politiker um Puigdemont, die Katalonien zur Republik erklärt haben und jetzt offenbar nicht recht wissen, wie es mit dieser Republik weitergehen soll. Der 50-jährige Porta ist einer der vielen Katalanen, die das separatistische Projekt für Irrsinn halten. „Sie glauben doch selbst nicht dran“, sagt er.

Alle wissen, dass die Lage ernst ist, aber es fällt ihnen schwer, sie wirklich ernst zu nehmen. Die einen glauben, dass sie längst in der katalanischen Republik leben, dass es ganz egal ist, was in Madrid entschieden wird. Die anderen, wie Porta und Jiménez, legen ihr Vertrauen in die spanische Regierung. Die hat am Freitagabend die gesamte katalanische Regionalregierung für abgesetzt erklärt und Neuwahlen zum katalanischen Parlament für den 21. Dezember angekündigt.

Der spanische Senat hatte, während in Barcelona die Republik ausgerufen wurde, der Rajoy-Regierung erlaubt, die nach Verfassungsartikel 155 „notwendigen Maßnahmen‘“ zu ergreifen, um dem separatistischen Spuk ein Ende zu bereiten. „Ich war für den 155“, sagt Jiménez. „Ich glaube sogar, sie setzen ihn auf eher noch sanfte Art um.“

Signale sind nicht ermutigend

Dann geschieht etwas, was dem Eindruck allgemeiner Entspanntheit widerspricht. Ein junger Mann vom Nachbartisch dreht sich um und fragt empört: „Wie hätten sie es denn Deiner Meinung nach noch härter machen können?“ Porta springt seiner Frau zur Seite: „Was mischst Du Dich denn in unsere Diskussion ein?“ Der Zwischenfrager schaut böse, wendet sich dann aber ab. Man kann die Anspannung greifen. „Wenn Du für die Einheit Spaniens bist, bist Du für sie ein Fascho“, sagt Porta mit Blick auf den Nachbartisch. „In meiner eigenen Stadt, in meinem eigenen Viertel!“ Er ist sauer. „Ich bin froh, dass gerade die ganze Welt auf uns blickt“, sagt er. Das zügele alle Gewaltbereitschaft. Davon ist er fest überzeugt.

Viel hängt jetzt von der separatistischen Führung in Barcelona ab. Die ersten Signale sind nicht ermutigend. Puigdemont fordert im Fernsehen zur „demokratischen Opposition“ gegen die Anwendung des Artikels 155 auf. „Wir werden nicht von unserem Pfad abweichen.“ Friedlich und zivilisiert soll alles bleiben, aber das Erreichte müsse „verteidigt“ werden. Puigdemont ist jetzt der virtuelle Präsident einer virtuellen Republik.

Ob die Lage friedlich bleibt, hängt aber auch vom Händchen der spanischen Regierung ab. Wenn es ihr gelingt, den Regierungspalast in Barcelona und die Ministerien unter Kontrolle zu bekommen, bevor Carles Puigdemont und seine Minister sich heute wieder an ihre Schreibtische setzen, könnte sie sehr unschöne Bilder verhindern: von Polizisten, die sich ihren Weg durch ­Sitzblockaden bahnen, um die ­katalanischen Politiker abzuführen.

Am Sonntag demonstrierten zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen Hunderttausende für die Einheit Spaniens. Einen Tag zuvor  sagten Kike Porta und Paloma Jiménez noch, dass sie nicht dabei sein wollen: „Wir sind gegen Fahnen.“

Doch dann schicken die beiden per Whatsapp ein Selfie, mitten unter den Demonstranten, mitten unter spanischen Fahnen. Der Streit mit dem Mann vom Nachbartisch hat sie umdenken lassen. „Man kann nicht neutral bleiben“, schreibt Porta. „Aber immer friedlich.“

Kommentar zu Katalonien – in der Hand eines Agitators

Der abgesetzte Ministerpräsident Kataloniens will weiter für die katalanische Republik kämpfen. Auf friedliche und zivilisierte Weise, behauptet Carles Puigdemont, obwohl er weiß, dass das unmöglich ist. Der Mann ist ein gefährlicher Agitator, einer dieser Brandstifter, die sich gerne als Biedermann geben.

Seit er Anfang vergangenen Jahres eher zufällig und auf Druck der linksradikalen CUP das Amt des katalanischen Ministerpräsidenten übernahm, hat er seine ganze Energie darauf verwendet, Katalonien dem Abgrund entgegenzuführen. Er ist diesen Weg nicht allein gegangen, andere nicht weniger unverantwortliche Politiker haben ihn vorangedrängt.

Puigdemont hätte viele Chancen gehabt, das alles zu stoppen. Etwa 1700 katalanische Unternehmen haben in diesem Monat ihren Firmensitz in andere Regionen Spaniens verlegt, was zunächst vor allem eine Warnung ist. Doch je länger das Theater andauert, desto mehr dieser Firmen werden Katalonien endgültig den Rücken kehren – mit ihren Produktionsstätten.

Obwohl Puigdemont keinerlei  internationalen Rückhalt erhält, hat er sich nicht zu Neuwahlen durchgerungen, die allen eine Atempause verschafft hätten. Stattdessen stimmte er gemeinsam mit der separatistischen Mehrheit im katalanischen Regionalparlament für die Ausrufung der Republik. Als ihn die spanische Regierung deshalb jetzt absetzte, fiel ihm nichts anderes ein, als seine Landsleute zu zivilem Ungehorsam aufzurufen. Im besten Fall wird sein Aufruf ungehört verhallen, im schlimmsten wird aus dem zivilen ein unfriedlicher Ungehorsam. Die Verantwortung dafür wird für immer auf den Schultern ­Puigdemonts lasten.

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