Kampf um Herrschaft in der Fußball-Kurve: Offensive von Rechtsaußen

Auf Deutschlands Fußballplätzen häufen sich Vorfälle mit rechtsextremistischem Hintergrund. Dabei bekämpfen sich rechte und linke Fans ein und desselben Klubs. Es geht um die Macht in der Kurve.

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    Antifaschistische Demonstration vor einem Bezirksklassenspiel bei Leipzig: Viele Fußballfans lassen sich Rassismus und Diskriminierungen im Stadion nicht mehr gefallen. Foto: 
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Es ist ein bitterer Gegensatz, der in den vergangenen Monaten immer wieder offen zu Tage getreten und von dem zu befürchten ist, dass er nicht einfach wieder so verschwinden wird. Auf der einen Seite reiht sich in Deutschlands Stadien Fußball-Fest an Fußball-Fest, feiern die Fans in proppevollen Arenen national sowie international spektakuläre Spiele in Gänsehaut-Atmosphäre. Auf der anderen Seite mehren sich die Ereignisse, bei denen rechtsradikale Hooligans in Aktion treten und einen Kulturkampf gegen linke und antirassistische Fußball-Anhänger führen - und gewinnen. Werden die Kurven braun?

Tatort Duisburg:  Nach dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken am 19. Oktober dieses Jahres haben rechte MSV-Anhänger der Gruppierung "Division Duisburg" auf antifaschistische Ultras der Gruppe "Kohorte" eingeschlagen.  Grund für die Attacken war ein Plakat, mit dem sich die Duisburger mit den linken, antirassistischen Braunschweiger Ultras solidarisiert hatten, die auf Initiative des niedersächsischen Klubs aus dem Stadion geworfen worden waren. Der Führungskader der Division hat beste Kontakte nach Dortmund und Essen, mittlerweile zwei Hochburgen des Rechtsextremismus.

Tatort Mönchengladbach: Eintracht Braunschweig spielt Anfang September bei der Borussia. Nach der Begegnung kommt es im Block der Gäste zu Tätlichkeiten gegenüber den "Ultras Braunschweig" (UB 01). Die antifaschistische Gruppe wird von rechten Hooligans des eigenen Lagers verprügelt. Wer Täter ist und wer Opfer, ist klar. Doch der Klub aus Niedersachsen bestraft einseitig: UB 01-Mitglieder dürfen nicht mehr als Gruppe ins Braunschweiger Stadion.

Tatort Aachen: Für viele Experten, so auch für Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (Kos), hat die Rückkehr der "Nazi-Hools", die Renaissance der Rechten in der Kurve viel mit dem zu tun, was in der Kaiserstadt passiert ist. "Aachen war ein fatales Signal", sagt Gabriel. Passiert war das: Im Konflikte zweier Aachener Ultragruppen kapitulierten die linken "Aachen Ultras" vor den auf den ersten Blick unpolitischen, aber für rechtsradikale Gedanken offenen "Karlsbande".

Mitglieder der "Ultras" waren Opfer von "Hausbesuchen" geworden. Schläger überfielen und bedrohten die Linken sogar in ihren Wohnungen. Mit Plakaten, auf denen zu lesen stand: "Lieber Parasit als Antisemit" oder "Nazis am Tivoli? Nie gesehen" verabschiedeten sich die antirassistischen Ultras aus dem Stadion und lösten sich auf. Linke gegen Rechte - in Aachen ging das "Duell" so aus, wie es kaum für möglich gehalten wurde.

Der jährlich erscheinende Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) stellt für die Saison 2012/2013 fest: "In 16 Standorten (Vorjahr 13) der beiden Bundesligen ist nach Einschätzung der zuständigen Polizeibehörden von einer teilweisen personellen Überschneidung der jeweiligen Fußballszenen mit der rechten Szene auszugehen." Vor allem bei den Zweitligastandorten verzeichnet die "Zis" eine deutliche Zunahme von der rechten Szene zugehörigen Fans. "Wie auch in den Vorjahren liegt der Anteil des rechtsmotivierten Potenzials in der gewaltbereiten Szene beider Bundesligen mit aktuell 4,1 Prozent (Vorjahr 3,3) weiterhin unter 5 Prozent." Der Verfasssungsschutz, schreibt Spiegel online, spricht sogar von einer 15-prozentigen Überschneidung zwischen fußballaffinen Hooligans und Rechtsextremen. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

In Baden-Württemberg sind der Polizei bisher nur Straftaten wegen Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86 a StGB) bekannt geworden. Diese haben ab der Saison 2009/2010 bei den Spielen in den ersten fünf Ligen in Baden-Württemberg abgenommen, teilt das Innenministerium in Stuttgart mit. "Bisher ist ein Abgleich zwischen der Datei Gewalttäter Sport und Gewalttäter Rechts nicht möglich. Hier müssen noch die rechtlichen Voraussetzungen, beispielsweise beim Datenschutz, als auch die technischen Voraussetzungen geschaffen werden", erklärt Innenminister Reinhold Gall gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Erkenntnisse darüber, dass rechtsextreme Gruppierungen in den vergangenen Jahren vermehrt über den Fußball den Weg zu neuen Mitgliedern gesucht haben, liegen ebenfalls nicht vor. "Wir sind uns der Problematik bewusst und beobachten die Szene, beispielsweise mit unseren szenekundigen Beamten, ob solche angeblichen Fans auftreten. Allerdings ist in Baden-Württemberg bisher kein Fall bekannt - bei ostdeutschen Vereinen, bei Borussia Dortmund und Alemannia Aachen liegen solche Informationen vor", sagt Gall.

Alexander Salomon, Landtagsabgeordneter der Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg, beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Rechtsextremismus im Fußball. Der 24-Jährige aus Karlsruhe findet: Die Daten-Erfassung der Polizei in diesem Bereich sei verbesserungswürdig. "Wenn ich die Einzelberichte über rechtsmotivierte Vorfälle sehe, dann registriere ich eine Zunahme. Aber in der Tat: Es gibt kaum belastbare Zahlen." Um das zu ändern, will der Grüne mit Kollegen vermehrt Fußballspiele der Bundesliga besuchen. Das Ziel: Analyse der Polizeieinsätze, Beobachtung der Fans. "Wir wissen natürlich auch, dass das kein Gewinnerthema ist", sagt Salomon.

Was ist sonst zu tun?

Langfristig hilft nur Aufklärung - und sozialpädagogische Arbeit. Genau dafür steht die Koordinierungsstelle für Fanprojekte. Sie hilft und berät beim Aufbau von Fanprojekten, die vom Land, der Kommune und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) finanziert werden.

Es geht aber auch um schlichte und aufrichtige Empörung wie die von MSV-Aufsichtsratschef Jürgen Marbach, der nach den Vorkommnissen in Duisburg sehr deutlich wurde. "Die Rechtsradikalen machen den Fußball kaputt. Man darf sich von diesen Leuten nicht erschrecken und einschüchtern lassen", sagt Marbach. Auch Borussia Dortmund zeigt sich konsequent: Der Vizemeister hat einen Mann, der während des Heimspiels im November gegen den VfB Stuttgart durch einen Hitler-Gruß aufgefallen war, bereits drei Tage nach der Partie mit einem bundesweiten Stadionverbot bis Juni 2017 belegt.

VfB sprachlos
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