Kampf gegen Genitalverstümmelung in Europa

Etwa 2500 Frauen und Mädchen sind in Deutschland dem Risiko der Genitalverstümmelung ausgesetzt. Dagegen macht sich seit 2013 das EU-Projekt "Change" stark. Die Zukunft der Initiative ist unsicher.

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Rund 180.000 in Europa lebende Frauen und Mädchen könnten Opfer weiblicher Genitalverstümmelung werden. Also nicht im fernen Asien, nicht in der afrikanischen Savanne, sondern inmitten der europäischen Gesellschaft - auch in Deutschland. Diese schockierende Zahl stellte Schauspielerin und Terre-des-Femmes-Botschafterin Nina Hoss zum internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung vor. "Mein Wunsch ist es, dass das Thema eine größere Aufmerksamkeit bekommt, denn schließlich sind Frauen-, ja Menschenrechte betroffen", sagte sie auf der Fachkonferenz des EU-Präventionsprojektes "Change".

Dieses zweijährige Projekt wurde im März 2013 von Terre des Femmes initiiert und von der EU-Kommission mitfinanziert. Gemeinsam mit Partnern wie Plan International Deutschland und weiteren nichtstaatlichen Organisationen wurden sogenannte "Change"-Agents, also Multiplikatoren ausgebildet. Sie gehören afrikanischen Communities in Deutschland, Schweden, den Niederlanden und Großbritannien an. Sie sollen dort andere Frauen über das Thema aufklären. Es wurden zudem Schulungen für Religionsgemeinschaften, Lehrer und medizinisches Personal ausgerichtet.

"Wir wollen eine Verhaltensänderung erreichen", sagte EU-Projektkoordinatorin Linda Ederberg. In Europa seien vor allem Frauen und Mädchen in Großbritannien, Frankreich, Belgien und Italien betroffen. Aber auch in Deutschland ist die Zahl der Gefährdeten hoch: Mindestens 2500 seien dem Risiko ausgesetzt, heimlich im In- oder Ausland verstümmelt zu werden, und aktuell würden hierzulande mehr als 25.000 Betroffene leben.

"Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung", so Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. "Die Bundesregierung steht in engem Schulterschluss mit der EU, den Ländern und Nicht-Regierungsorganisationen, um weibliche Genitalverstümmelung auch in Deutschland mit Nachdruck zu bekämpfen." Mit Paragraph 226a des Strafgesetzbuches habe die Bundesregierung einen eigenen Tatbestand eingeführt, der die Verstümmelung der weiblichen Genitalien unter Strafe stelle. Um weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland nachhaltig zu überwinden, müsse man auch im präventiven Bereich aktiv sein und gemeinsam mit den Menschen in den betroffenen Communities zusammenarbeiten. "Deshalb begrüße ich die Durchführung des EU geförderten Projektes ,Change' sehr", sagte Marks auf der Konferenz in Berlin. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat Mitte vergangenen Jahres die Federführung für die Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland übernommen.

"Da das ,Change'-Projekt nur bis Februar 2015 von der EU-Kommission bewilligt wurde, werden wir einen Folgeantrag stellen. So lange arbeiten aber alle Partner unabhängig weiter, damit die Kontinuität gewahrt ist", so Ederberg. Die Kosten müssten dafür jedoch vorerst eigenständig gedeckt werden. Plan International Deutschland in Hamburg beispielsweise wird die Arbeit für ein Jahr selbstständig weiterfinanzieren. "Wir müssen in den Communities Methoden anbieten, die Frauen in die Gesellschaft zu integrieren, und Vertrauen aufbauen. Das ist der erste Schritt, um etwas zu ändern. Die Frauen müssen sich auflehnen", sagte Gwladys Awo, Trainerin bei Plan International Deutschland.

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