Journalisten in der Türkei inhaftiert

Die türkischen Behörden gehen nach dem gescheiterten Putschversuch verstärkt auch gegen Journalisten vor. Es gab bereits mehrere Festnahmen.

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Nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei droht Dutzenden weiteren Journalisten die Festnahme. Am Mittwoch wurden Haftbefehle gegen 47 frühere Mitarbeiter der Zeitung „Zaman“ erlassen. Nach Angaben eines Behördenvertreters sind neben leitenden Angestellten auch Kolumnisten der Zeitung betroffen. „Zaman“ war bis zur staatlichen Übernahme das Flaggschiff der Bewegung von Prediger Fethullah Gülen, den die türkische Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht.

Die Zeitung „Zaman“, einst die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und ihre englischsprachige Ausgabe „Today‘s Zaman“ waren im März unter Zwangsverwaltung gestellt worden. Polizisten drangen in die Redaktionsräume ein, Chefredakteur Abdülhamit Bilici wurde gefeuert. Zwei Tage später erschien „Zaman“ mit ausschließlich regierungsfreundlichen Artikeln, von der Titelseite lächelte Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Der 75-jährige Gülen, der seit 1999 in den USA lebt, bestreitet jede Verwicklung in den Putschversuch. Am Dienstag forderte er die US-Regierung auf, sich dem Auslieferungsgesuch zu widersetzen. „Der türkische Präsident erpresst die Vereinigten Staaten“, schrieb Gülen in einem Beitrag für die „New York Times“.

Seit dem Putschversuch wurden in der Türkei bereits mehr als 13 000 Menschen festgenommen, darunter tausende angebliche Mitglieder der von Gülen gegründeten Hizmet-Bewegung. Zehntausende weitere Soldaten, Polizisten, Justizbeamte, Lehrer, Journalisten und Universitätsdozenten wurden entlassen oder suspendiert. Etlichen Radio- und Fernsehsendern wurde die Lizenz entzogen.

Bereits am Montag hatte die türkische Staatsanwaltschaft kritische Journalisten ins Visier genommen: Es wurden 42 Haftbefehle ausgestellt. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu gab es bis Mittwoch 16 Festnahmen. Nach anderen Agenturberichten sollen elf der Gesuchten ins Ausland geflohen sein.

Am Dienstag wurde auch die bekannte Journalistin Nazli Ilicak verhaftet. Sie war 2013 von der regierungsfreundlichen Zeitung „Sabah“ entlassen worden, weil sie mehrere Minister kritisiert hatte, die in einen Korruptionsskandal verwickelt waren. Von den 47 neuen Haftbefehlen sind laut der Zeitung „Hürriyet“ unter anderem der frühere „Zaman“-Chefredakteur Bilici und der frühere Chefredakteur von „Today‘s Zaman“, Bülent Kenes, betroffen. Kenes war 2015 zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er Erdogan in einem Twitter-Eintrag beleidigt haben soll.

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