Johannes Fechner: "Überwiegend Bequemlichkeit"

Vor allem in den Städten suchen Patienten die Klinik-Notaufnahmen auf, ohne ein Notfall zu sein, meint Johannes Fechner von der KV Baden-Württemberg.

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Etwa 30 Prozent der Patienten, die in eine Klinik-Notaufnahme kommen, gehören dort nicht hin, sagt Johannes Fechner von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

Herr Dr. Fechner, wie groß ist der Andrang in den  Klinik-Notaufnahmen?
Johannes Fechner: Das ist vor allem ein Problem in den Städten. In Baden-Württemberg suchen unter der Woche tagsüber, wenn also Arztpraxen geöffnet sind, 430.000 Menschen pro Jahr eine Notaufnahme auf. Die meisten Patienten gehen zu den 20.000 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten im Land.  Tatsache ist, dass sich seit der Abschaffung der Praxisgebühr, die auch in der Notaufnahme  zu zahlen war, dort wieder deutlich mehr Menschen versorgen  lassen. Die Kliniken klagen darüber, dass im Schnitt 30 Prozent dieser Fälle nicht in die Notaufnahme gehören. Dieser Trend gilt für ganz Deutschland.

Woran liegt das?
Das ist überwiegend Bequemlichkeit. Man kann hingehen, wenn man einen freien Tag hat, das Kind versorgt ist oder man nicht sofort einen Termin beim Facharzt bekommt. Die meisten Menschen wissen, dass die Klinik verpflichtet ist, sie so zu versorgen, dass sie wieder zum Haus- oder Facharzt zurückgeführt werden können.

Ein Beispiel?
Tut einem das Knie seit vier Wochen weh, macht man in der Klinik auf jeden Fall eine Röntgenaufnahme und nennt mir eine Diagnose. Dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich danach noch zum Haus- oder Facharzt gehe.  Hinzu kommt, dass nicht wenige Menschen der Überzeugung sind, im  Krankenhaus gebe es die besseren Ärzte. Sie wissen nicht, dass jeder Facharzt, und dazu gehört auch der Allgemeinmediziner, zuvor mehrere Jahre in der Klinik gearbeitet hat. In der Notaufnahme werden sie in erster Linie von Assistenzärzten versorgt, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen.

Liegt der Fehler nicht auch im System? Gesetzlich Krankenversicherte müssen oft mehrere Wochen warten, bis sie einen Termin beim Facharzt bekommen.
Natürlich liegt der Fehler im System. Der Hintergrund ist, dass alle Ärzte ein festes Budget haben. Zu Beginn jedes Quartals bekommt der Arzt mitgeteilt, dass er beispielsweise für 1100 Patienten Geld erhält. Wenn er mehr behandelt, erhält er für diesen Patienten nur noch zehn Prozent des üblichen Honorars. Das heißt: Der Arzt kann kein Interesse daran haben, mehr Patienten einen Termin zu geben, wobei er natürlich einen Notfall nicht abweisen wird.

Die Budgetierung ist das Kernproblem?
Ja, neben der Bequemlichkeit der Patienten. Und es geht ja noch weiter:  Wir als KV-Vorstand müssen den niedergelassenen Ärzte nun das Budget kürzen, um den Zustrom an den Kliniken zu bezahlen. Es ist absurd.

Wie lässt sich die Misere beheben?
Portalpraxen könnten weiterhelfen. Das heißt, in der Klinik werden die Patienten bei ihrer Ankunft von niedergelassenen Ärzten untersucht, die entscheiden, ob tatsächlich ein Notfall vorliegt. Angesichts des Ärztemangels wird man aber nicht an jeder Klinik ein Portal schaffen können. So bleibt letztlich nur, an die Vernunft der Menschen zu appellieren: Sucht euch einen guten Hausarzt, der euch, wenn es eilt, einen schnellen Termin beim Facharzt organisiert – oder im echten Notfall an die Klinik leitet. 

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