Jede Jeck is von woanders

Die Übergriffe in der Silvesternacht werden auch den Kölner Karneval verändern. Besonders betrifft das die Immisitzung, die in der fünften Jahreszeit das multikulturelle Zusammenleben thematisiert.

|

Die Stimmung auf der Karnevalsparty befindet sich am Höhepunkt, das Kölsch fließt in Strömen, da tritt Myriam Chebabi mit versteinerter Miene auf die Bühne. "Egal woher sie kommen: Männer, die Frauen anfassen, wenn sie es nicht wollen, sind testosterongesteuerte Arschlöcher", beginnt die Sitzungspräsidentin ihre Rede. "Es gibt von uns keine Toleranz für solche Übergriffe. Aber auch keine Toleranz für die Ausnutzung solcher Ereignisse von Rechtsextremisten. Und wir frohe, freie Frauen werden uns weiter frei bewegen - mit welchem Ausschnitt auch immer. Wir lassen uns nicht von solchen Idioten einschüchtern, denn. . ." Die Miene der Brasilianerin hellt sich prompt wieder auf und sie stimmt an: "Mir sin kölsche Mädcher, hann Spetzebötzjer an, mir lossen uns nit dran fummele, mir lossen keiner dran."

Die brisante Erklärung zu den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht löst sich in der Karnevalshalle am Rheinufer in befreienden Gesang des bunten Ensembles mit 400 Gästen - Männern und Frauen, Hell- und Dunkelhäutigen, Moslems und Christen, oder eben einfach nur "Jecken" - auf.

Es ist die brisanteste Szene der sogenannten Immisitzung, die seit 2010 den internationalen Karneval in Köln zelebriert. Aber in diesem Jahr ist nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen - mutmaßlich von arabischen und nordafrikanischen Männern - vieles anders als in den Jahren zuvor. Zwischen Verunsicherung und Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen und Migranten gilt es, den richtigen Ton zu treffen.

Die Mitgründer der internationalen Nummernrevue im alternativen Karneval, Omar Ibrahim (35) und Selda Selbach (47), standen vor einer besonderen Herausforderung: "Zwar war es für uns noch nie so leicht, brisante Themen zu finden, doch es war auch noch nie so schwer, das Ernste ins Komische zu übertragen", sagt die Deutsch-Türkin Selbach. Drei Monate hat das 20-köpfige Team um das perfekte Programm gerungen. Herauskamen jede Menge Sketche mit politischer Brisanz. Vom internationalen Terrorismus über die Flüchtlingsdebatte bis hin zum Russland-Konflikt: Die politische Agenda des Jahres 2015 spiegelt sich in der Immisitzung 2016 wider. So outet sich ein schwuler Amerikaner als heimlicher Liebhaber von Wladimir Putin, so bekehrt ein Kölner Jeck drei IS-Kämpfer mit dem Lockmittel "Jungfrauen" zu Karnevalisten.

Dabei hat die Immisitzung das vorrangige Ziel, Migranten vom Karneval zu begeistern - mit Erfolg: "Ich habe selten einen so geistreichen Karneval erlebt. Hier wird so einiges auf den Punkt gebracht", sagt Lidia Kuhsai, Arzthelferin aus Eritrea. Im Mittelpunkt steht der intelligente Witz, oft mit politischem Statement, aber ohne erhobenen Zeigefinger. "Wir können Dinge aussprechen, die Menschen ohne Migrationshintergrund nicht sagen dürfen", sagt Omar Ibrahim, dessen Vater Anfang der 60er Jahre als Gastarbeiter aus Ägypten nach Deutschland kam, um seinen Teil zum Wirtschaftswunder beizutragen.

Erst kurz vor der Premiere der diesjährigen Immisitzung am 7. Januar kamen die schlimmen Ereignisse der Kölner Silvesternacht ans Licht. Wie reagieren? "Wir waren uns schnell einig, dass wir darauf unsere eigene Antwort geben müssen", erinnert sich Selda Selbach, geborene Akhan, an den Abend der Generalprobe. Heraus kam das vorgelesene Statement von Präsidentin Chebabi samt Schunkel-Klassiker "Kölsche Mädcher". Wie schnell jedoch die Grenzen zwischen Immigrant und "Imi" verschmelzen, wird schließlich im Sketch mit einem Kölner Pärchen deutlich, das im Taxi über das Herkunftsland seines vollbärtigen Fahrers rätselt - bis der vermeintliche Migrant antwortet: "I komm aus Heilbronn, Bade-Württeberg. Da wo's Bier noch Bier isch und koi Wässerle, wo de Affe net so hoch klettret, wo koi Stau isch und ma net so gscheit daherschwätze muss."

Das Motto

Bühnenshow Die Immisitzung ist das Produkt einer Gruppe von Künstlern und Kreativen aus aller Welt. Der Name vereint die klassischen Immigranten und die "Imis" - so werden in der Karnevalshochburg alle Wahl-Kölner genannt. "Jede Jeck is von woanders", lautet das Motto der Immisitzung. In der dreistündigen Bühnenshow wird der Status Quo im Einwanderungsland Deutschland beleuchtet. Das 20-köpfige Ensemble tritt in diesem Jahr 23 Mal auf die Bühne, 8500 Zuschauer sehen das Programm bis Karnevalsdienstag.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Xinedome-Mitarbeiter in Ulm streiken erneut

Mitarbeiter des Xinedome Ulm legen am Montag erneut ihre Arbeit nieder. Mit ihrem Warnstreik kämpfen sie für eine bessere Bezahlung. weiter lesen