Ist der Schulz-Effekt schon verpufft?

Bei der SPD in Berlin herrscht nach der Wahl in Schleswig-Holstein Katerstimmung. Der Hype um Kanzlerkandidat Martin Schulz ist offenbar erst einmal vorbei.

|

Erst das Saarland, dann Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – und dann, am 24. September, wird „die SPD die stärkste Partei in Deutschland, und ich werde Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“. So sprach Martin Schulz (61),  als er am 19. März mit 100 Prozent der gültigen Stimmen zum SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten seiner Partei gewählt worden war. Die Genossen feierten den Mann aus Würselen als Messias, Hoffnungsträger und Mutmacher, in den Medien und bei den Demoskopen brach der „Schulz-Hype“ aus.

Zwei Landtagswahlen später ist die Luft raus aus dem roten Überschwang um Schulz. An der Saar eine Schlappe für die mitregierenden Sozis, in Kiel sogar der Sturz des SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig – die ganze Partei und ihr zuvor so strahlender Frontmann sind mindestens vorübergehend am Boden. „Traurig und höllisch ärgerlich“ gibt sich Martin Schulz nach dem neuerlichen Dämpfer, „bitter“ ist die Niederlage der Küstenkoalition an der Förde,  und das nur eine Woche vor der „kleinen Bundestagswahl“, die in Nordrhein-Westfalen stattfindet – oder muss man jetzt sagen: für die SPD droht?

Im Berliner Willy-Brandt-Haus wissen sie, was am Votum im bevölkerungsreichsten Bundesland hängt. In den letzten fünf Jahrzehnten schaffte es die CDU dort nur von 2005 bis 2010, mit Jürgen Rüttgers den Regierungschef zu stellen. Seither amtiert in Düsseldorf die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft – nicht auszudenken, wenn es der Landesmutter aus Mülheim am Sonntag so geht wie Albig in Schleswig-Holstein.

Schon werden Durchhalte- und Kampfparolen ausgegeben. Martin Schulz bemüht eine Metapher aus der Welt des Radsports: „Wenn man eine Etappe verliert, kann man immer noch die Tour de France gewinnen.“ NRW aber, das weiß auch der erfahrene Fußballer aus dem Rheinland, ist seine „Königsetappe“ auf dem langen Weg zur Bundestagswahl.

Eher zerknirscht klingt der Obersozi nach dem Sturmtief im hohen Norden: „Da soll sich mal niemand zu früh freuen.“ Ganz schnell soll das Wundenlecken beendet und der Schalter wieder auf Angriffsmodus umgelegt werden. Was aber passiert jetzt mit Albig und der Küsten-SPD? Es wird geraunt, der Kieler „MP“ sei selbst schuld – sein oft arrogantes Auftreten und die kühle Trennung von seiner Frau hätten die Wahlbürger verstimmt. Das Mitleid unter den Genossen in Berlin hält sich in Grenzen, schließlich hatte sich Albig vor einiger Zeit ziemlich unbeliebt gemacht, als er seiner Partei empfahl, 2017 erst gar keinen Kanzlerkandidaten aufzustellen, weil gegen Angela Merkel ohnehin kein Kraut gewachsen sei.

Plötzlich keimen wieder Verzagtheit und Zweifel unter den Sozialdemokraten auf. So motivierend es in den vergangenen Monaten war, dass die SPD in den Umfragen auf Schlagdistanz zur Union kletterte und 16 000 Neumitglieder begrüßen konnte, so belastend wirken sich die beiden jüngsten Misserfolge im Saarland und in Schleswig-Holstein nun auf die Stimmung aus. Fragen, die längst beantwortet schienen, werden wieder gestellt: War es richtig, dass Martin Schulz nicht Außenminister wurde und Sigmar Gabriel diese wirkungsvolle Bühne überlassen hat? Während die Kanzlerin in diesen Tagen international Flagge zeigt, hieß es über ihren Herausforderer „Was macht eigentlich Herr Schulz?“ Greift die SPD-Kampagne für „mehr Gerechtigkeit“ nicht zu kurz, müsste die Nr.1 nicht endlich auch Pflöcke für Reformen und Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft einrammen, möglichst noch vor dem SPD-Wahlparteitag Ende Juni in Dortmund?

Wenn, wie der Aachener Politikprofessor Emanuel Richter sagt, „der Schulz-Effekt immer überschätzt wurde“, wenn es also offenkundig nicht ausreicht, an der Spitze der SPD ein anderes Gesicht zu präsentieren, braucht die Partei wohl auch programmatisch einen Neustart.

Angesichts des „Merkel-Effekts“, der auf die Abstimmungen an der Saar und der norddeutschen Küste durchgeschlagen hat, rückt wieder das Problem in den Fokus, wie man eine  unerschütterlich erscheinende Kanzlerin aus der Großen Koalition heraus erfolgreich attackieren kann. Martin Schulz will wie die Kohlekumpel im Revier jetzt erst recht „die Ärmel hochkrempeln und den Helm aufsetzen“. Auf seinem Programm am heutigen „Europatag“ steht ein Besuch in Verdun. Das einstige Schlachtfeld in Frankreich ist Symbol für ein furchtbares Gemetzel im Ersten Weltkrieg, aber inzwischen auch für den Willen der ehemals verfeindeten Völker zur Versöhnung.  Welches Signal wird der sichtlich angefasste SPD-Kanzlerkandidat für seine ins Stocken geratene Aufholjagd ausgerechnet von diesem geschichtsträchtigen Ort aussenden?

Politologe Niedermayer: „Inhaltliche Unbestimmtheit“ schadet Schulz
Der Politkwissenschaftler Oskar Niedermayer sieht bei den jüngsten SPD-Misserfolgen eine Mitschuld von Martin Schulz. Inhaltlich sei der Parteichef zu unbestimmt. Hier geht es zum Interview.

Kommentieren

Kommentare

09.05.2017 18:28 Uhr

12 Jahre Merkel sind genug!

Was ist wohl besser: ein Hoffnungsträger auf Bewährung, wie die bekannten Unions-Kampfblätter Martin Schulz mittlerweile abfällig charakterisieren, oder eine Kanzlerkandidatin auf (Obergrenzen-)Abruf?
Erst schreiben die selbsternannten Unions-Kampfblätter Breit-FAZ, Focus-Bart und weitere Martin Schulz hoch (Messias/Heilsbringer aus Würselen, der über das Wasser geht etc.) - wenn auch immer mit diffamierendem Unterton -, um ihn dann wieder herunterzuschreiben (auf Abruf, Abwärtsstrudel etc.).
Nicht sehr aufregend. Dann schon lieber:
https://youtu.be/dOa-fcp74uU
Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören!

PS: "Uns geht es doch nicht schlecht" - Martin Winterkorn, Familie Klatten/Quandt, Familie Albrecht, Familie Piëch/Porsche, Familie von Finck, ...
Wir haben Besseres als eine aufgewärmte "RoteSocken-Kampagne" verdient!

Antworten Kommentar melden

09.05.2017 18:26 Uhr

Schulz kann Kanzler!

Keine Bange: 12 Jahre Merkel sind genug!
Mehr Gerechtigkeit wagen und eine Familien- und Frauenpolitik, die zu mehr Gleichberechtigung und verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie führt, das kann die Union einfach nicht! Wenn sie es denn überhaupt will!
Und außerdem: 12 Jahre Merkel sind genug!
Ich hätte Bange vor einem weiteren Jahrzehnt Unions-dominierter Politik (vgl. auch https://www.freitag.de/autoren/sigismundruestig/unter-dem-mantel-der-geschichte ) mit rechtspopulistischer Ausrichtung in bekannter Tradition, mit einer rückständigen Bildungspolitik, mit einer Altersarmut fördernden Rentenpolitik und einer die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnenden Sozial-, Abgaben- und Steuerpolitik, mit einer Wirtschaftspolitik, die sich weiter von der sozialen Marktwirtschaft in Richtung einer marktkonformen Demokratie bewegt (wie Merkel ihr "Markt hat Vorfahrt vor Demokratie" bezeichnet), mit einer seit Jahrzehnten überfälligen Einwanderungspolitik, mit einer planlosen, menschenunwürdigen, auf Rechtspopulisten schielenden Flüchtlingspolitik, mit einer weiterhin Milliarden von Steuergeldern in veraltete Modelle und Strukturen verschwendenden rückwärtsgewandten Familien- und Frauenpolitik, mit einer Grünen Idealen widersprechenden Klima- und Umweltpolitik, mit hü und hot in der Atomenergiepolitik, mit einer Europa-Politik, die Europa gegen die Wand fährt, und den EURO zulasten von Sparern und Rentnern "rettet", mit einer weiteren Hinwendung an einen - nicht nur von namhaften christlichen Würdenträgern - heftig kritisierten, verkommenen, hilflosen, des "C" im Parteinamen unwürdigen, die Wählermüdigkeit fördernden Politikstil.
Letzteres wird wieder einmal eindrucksvoll durch den Schlammschlachtstil der Union (vgl. z.B. die Schmutz-Dossiers der Union gegen Schulz) bewiesen! Es ist Wahlkampf:

https://youtu.be/dOa-fcp74uU

Last, but not least: unsere "Nichts sehen! Nichts hören! Nichts sprechen!"-Kanzlerin kümmert sich zu wenig um die Belange der "einfachen" Leute!

"Nicht Alte gegen Junge,
sondern Arme gegen Reiche!
Egal, ob jung oder alt,
gemeinsam sind wir stark!"

https://youtu.be/9Steya7Qtr8
https://youtu.be/zH2tEG2G-aw
https://youtu.be/KYm5ZKtjX9A

Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören!

PS: "Uns geht es doch nicht schlecht" - Martin Winterkorn, Familie Klatten/Quandt, Familie Albrecht, Familie Piëch/Porsche, Familie von Finck, ...
Wir haben Besseres als eine aufgewärmte "RoteSocken-Kampagne" verdient!

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Nach tödlichem Unfall bei Aufhausen: Ermittler suchen weitere Zeugen

Nach dem schweren Verkehrsunfall vergangenen Woche, bei dem ein 28-Jähriger zwischen Aufhausen und Königsbronn ums Leben kam, sucht die Polizei weiter Zeugen. weiter lesen