Israel: Die Angst gehört zum Alltag

In Israel ist der Terror im Alltag angekommen. Schon lange. Eine deutsche Journalistin erzählt, wie sich das auf ihren Alltag auswirkt.

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  • Scharfe Kontrollen gehören in Israel zum Alltag. An diesem Checkpoint schnüffelt ein Hund nach Sprengstoff. 1/2
    Scharfe Kontrollen gehören in Israel zum Alltag. An diesem Checkpoint schnüffelt ein Hund nach Sprengstoff. Foto: 
  • Lissy Kaufmann lebt seit Oktober 2011 in Israel. Sie arbeitet als freie Journalistin für Radio und Zeitungen. 2/2
    Lissy Kaufmann lebt seit Oktober 2011 in Israel. Sie arbeitet als freie Journalistin für Radio und Zeitungen. Foto: 
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Wir hatten gar nicht daran gedacht. Es war das unschlagbare Happy-Hour-Angebot, das uns in diese Bar auf der Dizengoff-Straße lockte, eine gute Freundin und mich, an einem Tel Aviver Sommerabend vor einigen Wochen. Als wir den ersten Schluck von unserem israelischen Bier nahmen, sagte die Freundin: „Sag mal, ist das nicht die Bar, in der im Januar der Anschlag war bei dem zwei junge Männer erschossen wurden?“ Wir blickten uns an, googelten mit unseren Smartphones. Tatsächlich. Simta. Hier war es passiert.

 Kurz schoss mir der Gedanke in den Kopf: Israel, Terrorgefahr, Messerattacken – und ich hier, mittendrin. Was mache ich hier eigentlich? Doch genauso blitzartig wie dieser Gedanke mir kommt, so schnell verschwindet er auch wieder. An diesem Abend sprachen wir über das Übliche: die Arbeit, neue Projekte, ein bisschen Nahostkonflikt, die Liebe.

So ist Israel. Der Terror ist allgegenwärtig, aber das Leben geht weiter, nach jeder Attacke.

„Unsere größte Herausforderung ist es, ein normales Leben zu führen“, sagt der israelische Psychologe und Traumaexperte Yotam Dagan. „Das heißt: widerstandsfähig zu sein und zur Normalität zurückzukehren. Stunden nach einer Terrorattacke sind die Straßen meist wieder aufgeräumt, die Läden geöffnet. Man hört noch ein paar Stunden, einen Tag lang, in den Nachrichten darüber.“

Israelis haben es zu oft erlebt, als dass sie sich jedes Mal einen Ausnahmezustand erlauben könnten – weder auf den Straßen noch im Herzen. Es wäre ja auch unerträglich, angst-erstarrt durchs Leben zu gehen – oder noch schlimmer: zu Hause zu bleiben.

Seit knapp fünf Jahren lebe ich nun schon in Israel, das erste halbe Jahr in Jerusalem, heute in Tel Aviv. Seither sind zwei Gazakriege geführt worden, seit September vergangenen Jahres haben Terroristen 156 mal versucht, Menschen zu erstechen oder zu erschießen – 96 mal – beziehungsweise sie mit dem Auto zu überfahren (46 mal). 40 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, so teilt es das israelische Außenministerium mit.

Für Menschen wie meinem besten Freund Yaaron, der nach der Armee als Bodyguard gearbeitet hat und einen Waffenschein besitzt, folgt daraus, dass er das Haus nicht mehr ohne Waffe verlässt. „Ich sehe es als meine Aufgabe, im Notfall einzugreifen und Leben zu retten“, sagt der 29-Jährige. Im Restaurant setzt er sich gerne mit dem Rücken zur Wand, an einem Tisch, von dem aus er den Eingang sehen kann.

Es ist seine Art, mit dem Terror umzugehen. Und er ist damit nicht allein: Als sich die Messerattacken Ende vergangenen Jahres plötzlich häuften, sind die Anträge auf einen Waffenschein um ein 50-Faches gestiegen, so meldete es damals die Tageszeitung Haaretz. Gleichzeitig rief unter anderem Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat Zivilisten mit Waffenschein dazu auf, Waffen bei sich zu tragen.

Ja, der Terror ist vor allem seit dem Anstieg dieser Messerattacken auch verstärkt Teil meines Lebens geworden. Doch für mich ist die Konsequenz eine andere: Ich weiß von der Möglichkeit einer Attacke und dass ich Opfer werden könnte. Aber ich lasse mich davon nicht einschränken. Wie viele andere Israelis auch.

 Gewöhnt habe ich mich an die Sicherheitskontrollen an den Eingängen zu Einkaufszentren, automatisch öffne ich meine Tasche und halte sie dem Sicherheitsbeamten mit dem Metalldetektor hin. Bevor ich den Bahnhof betrete, packe ich ohne nachzudenken Handy und Schlüssel aus meiner Hosentasche in den Rucksack, damit es nicht piepst, wenn ich am Metalldetektor vorbeilaufe. Und auch die Frage:  „Hast du eine Waffe dabei? Eine Pistole oder ein Messer?“, finde ich nicht mehr merkwürdig.

Immer wieder habe ich vor allem in den Straßen von Jerusalem beobachtet, wie junge arabische Männer von der Polizei kontrolliert wurden: Taschen leeren, Schuhe aus, Hände an die Wand, Beine auseinander – dann wird abgetastet. Für einen Halbstarken ist das eine Schmach, der Hass auf die Polizei und Israel wird dadurch sicher nicht kleiner. Aber was, wenn der Mann gefährlich ist? Terror befördert Stereotypen und Rassismus. Doch wie soll man sonst damit umgehen, wenn die meisten der Täter doch junge arabische Männer sind? Viele Israelis stellen sich solche Fragen nicht mehr, Sicherheit geht vor. Ich lebe damit, dass ich keine Antwort gefunden habe.

Mit dem Bus oder der Straßenbahn bin ich weiterhin unterwegs in Jerusalem. Ich gehe auch in die Altstadt, esse bei Abu Shukri Humus, laufe durch das Damaskustor, wo es immer wieder Messerattacken gab und lange Zeit Scharfschützen postiert waren. Und ich treffe mich mit Freunden in Bars und Restaurants. Nicht, weil ich besonders mutig oder töricht wäre, sondern weil all diese Orte längst Teil meines Lebens geworden sind und ich sonst überhaupt nicht mehr vor die eigene Haustüre treten dürfte. Ich lebe ja hier, mittendrin.

Ich habe in Israel ein Gottvertrauen und eine Gelassenheit entwickelt, die ich vorher nicht kannte. Nicht, dass ich leichtsinnig mein Leben riskiere. Im Bus schaue ich genau hin, wenn mir jemand komisch vorkommt.  Aber mir ist klar geworden, dass ich nicht alles beeinflussen kann. Ich kann vorsichtig sein, aber kaum wissen, ob ich heute zur falschen Zeit am falschen Ort sein werde. Darum sage ich mir, was alle Israelis agen: Hacol ihie beseder – alles wird gut. Und überhaupt bin ich überzeugt, dass es viel gefährlicher und leichtsinniger ist, sich mit dem Fahrrad in den aggressiven Tel Aviver Straßenverkehr zu stürzen. Was ich aber dennoch täglich tue.

„Wir haben in Israel mehr Opfer durch Autounfälle als durch Terrorattacken“, sagt auch  Yotam Dagan. Doch Angst lässt sich nicht mit Rationalität und Wahrscheinlichkeitsrechnungen bekämpfen. Ich sehe das hauptsächlich bei meinen Freunden, die Kinder haben, und plötzlich viel vorsichtiger sind, lieber mal am Wochenende zuhause bleiben und bestimmte Orte meiden, an die wir früher ohne nachzudenken gegangen sind. „Wenn zahlreiche Attacken passieren, und darüber berichtet wird, ändert sich die Atmosphäre. Vor allem jetzt, da Bilder und Videos sofort und ungefiltert in den sozialen Netzwerken geteilt werden“, so Yotam Dagan.

Auch wenn Israelis sehr schnell zur Tagesordnung übergehen: Der Terror hat sich auf die Gesellschaft ausgewirkt. Davon ist auch Yotam Dagan überzeugt: „Der Stress liegt in der Luft. Als Gesellschaft sind wir sehr impulsiv, laut, wir planen nicht gut im Voraus und sind nicht immer so freundlich. Selbst die Parkplatzsuche auf dem Weg zum Strand ist manchmal kriegerisch. Aber wir sind auch sehr warm und innovativ.“

Nun ist der Terror Europa – meiner Heimat – angekommen. Freunde, die mich nicht in Israel besuchen wollten, aus Angst vor dem Terror, spüren ihn nun vor der eigenen Haustür. Wie so viele Israelis bin ich gespannt, wie er die europäischen Gesellschaften, ja auch meine Familie und Freunde, verändern wird.

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