Interview: Macht sozialer Medien bei Anschlägen

Wir haben mit Wolfgang Schweiger, Professor für Onlinekommunikation an der Universität Hohenheim, über die Rolle der sozialen Medien bei Terroranschlägen und Attentaten gesprochen. Besonders die Arbeit der Polizei hat sich dadurch verändert. Welche Chancen, Gefahren und vor allem welche Macht in der Nutzung von Facebook, Twitter & Co. liegen, erklärt er im Interview.

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Prof. Dr. Wolfgang Schweiger ist an der Universität Hohenheim für den Bereich Onlinekommunikation zuständig.  Foto: 
Bei den Anschlägen am vergangenen Wochenende in München und Ansbach wurden in sozialen Medien zehntausende Posts, Tweets und Bilder veröffentlicht. Internetnutzer waren an allen Schauplätzen dabei und konnten teilweise sogar Livestreams verfolgen. Doch nicht immer entsprachen Aussagen der Wahrheit, nicht immer halfen die ungefilterten Aussagen von Augenzeugen, nicht immer waren Bilder auch wirklich von vor Ort. Professor Wolfgang Schweiger analysiert für uns die Risiken, Schwierigkeiten und Möglichkeiten sozialer Netzwerke.

Wo liegen Gefahren, wo vielleicht auch Chancen von sozialen Medien ganz allgemein?
PROF. DR. WOLFGANG SCHWEIGER: Prinzipiell ist es erst einmal positiv, dass sich Informationen innerhalb kürzester Zeit verbreiten lassen. Aber der Aspekt der Vertrauenswürdigkeit ist ein Problem. Denn der Nutzer weiß oft nicht, woher die Inhalte stammen und welche Ziele diejenigen verfolgen, die die Inhalte veröffentlicht haben. 
Soziale Medien gelten als authentisch, als nicht manipuliert. Und in Zeiten des Schlagwortes "Lügenpresse" ist Authentizität sehr wichtig geworden. Aber gerade "normale" Bürger haben oft noch nicht gelernt, Posts kritisch zu beurteilen und nachzufragen: stimmt das wirklich? Da stehen wir noch ganz am Anfang. Viele Posts schockieren, alarmieren und werden spontan geteilt - das verschärft das Problem natürlich. 

Inwiefern beeinflussen soziale Medien die Polizeiarbeit und können soziale Medien für die Beamten eine Hilfe sein?
SCHWEIGER: Die Polizei hat wahrscheinlich unglaublich viel damit zu tun, Straftaten im Netz zu identifizieren und zu ahnden. Das ist manuell nahezu unmöglich. Dabei braucht sie eigentlich die Unterstützung der Netzwerkanbieter wie beispielsweise Facebook. Es wäre toll, wenn diese viel sensibler damit umgehen würden. Aber gerade das Beispiel, dass Facebook vor Kurzem die Seite von Pegida abgeschaltet hat, ohne irgendeine Information für die Öffentlichkeit, dass und warum das geschehen ist, zeigt, dass wir noch lange nicht soweit sind. Es ist ja prinzipiell erfreulich, weil auf dieser Plattform so viele rassistische Kommentare verbreitet wurden, aber es ist ein Unding, dass man es der Öffentlichkeit nicht erklärt und eine unglaubliche Missachtung der deutschen Öffentlichkeit. Auch Justizminister Heiko Maas kämpft an dieser Front einen verzweifelten und bisher erfolglosen Kampf. 
Die Polizei braucht Ressourcen und die Unterstützung der Betreiber, dann sind soziale Medien auch sicherlich ein angemessenes Instrument, um zu ermitteln und um Verbrechen besser bekämpfen zu können. Aber auch da muss erst einmal Wissen aufgebaut werden. 

Wie schnell wächst der Druck auf die Polizei, in Gefahrensituationen - wie beispielsweise bei dem Amoklauf in München - selbst Informationen preiszugeben oder auf Kommentare im Netz zu reagieren?
SCHWEIGER: Das Problem ist ja hinreichend aus der Unternehmenskommunikation bekannt - also schnell reagieren zu müssen, ohne zu wissen, wie die Lage ist. Die Polizei muss schnell und umfassend informieren, auch auf Aussagen reagieren und sagen, was sie weiß, beziehungsweise auch sagen, dass etwas noch nicht bestätigt ist. Aber das ist ein hochsensibles Thema, denn missverständlich dürfen solche Aussagen auf keinen Fall sein. Gerade hier ist es eine Frage der Kompetenz, "wasserdicht klar" zu formulieren, dass eine Aussage auch ohne Kontext oder in anderem Zusammenhang nicht falsch oder gar komplett anders verstanden werden kann. Die Aussage muss auch ohne Hintergrundwissen unverfälscht und korrekt ankommen und da muss man schon sehr aufpassen.

Wie sollten "normale" Nutzer mit Facebook, Twitter & Co. umgehen?
SCHWEIGER: Zum einen ist es eine ethische Frage: viele Nutzer sind sich des Rechts am eigenen Bild gar nicht bewusst, wenn sie Fotos von anderen Menschen hochladen. Und Facebook schert sich nicht darum, denn alle Bilder, die Sie hochladen, sind sogleich Eigentum von Facebook. Außerdem werden durch solche Bilder oft mehr Ängste geschürt und Panik verbreitet. Deshalb mein Appell an die Vernunft jedes Einzelnen: Man muss mit  Fotos von Tatorten und Menschen äußerst vorsichtig umgehen, zum einen um Opfer zu schützen, zum anderen, um die Umwelt nicht noch mehr zu verängstigen.
Zum anderen dürfen wir auch nicht alles verteufeln. Positive Beispiele für die Nutzung sozialer Medien gibt es ja auch genug - beispielsweise den Hashtag #offenetuer oder Crowdfunding. Man muss eben auf die Qualität, die Glaubwürdigkeit und den Wahrheitsgehalt achten. 

Wird es irgendwann soweit kommen, dass Attentäter selbst live streamen und twittern und die halbe Welt zusieht?
SCHWEIGER: Mich würde es wundern, wenn das nicht schon geschehen wäre. Die sozialen Medien sind einfach eng verwoben mit unserem Alltagsleben und viele machen sich gar nicht bewusst, dass es etwas anderes ist, wenn ich Sachen in meinem Freundeskreis teile und bespreche und wenn ich Inhalte öffentlich zugänglich mache. Manche wissen auch gar nicht, dass ihr Profil von jedem gesehen werden kann, Stichwort "mass personal communication". Aber wir sollten alle lernen, damit umzugehen. 
 

Info

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger ist seit Oktober 2013 Leiter des Fachgebiets "Kommunikationswissenschaft insb. interaktive Medien- und Onlinekommunikation" an der Universität Hohenheim.
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