Interview: Das Chancenkonto ist eine „Erbschaft für alle“

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Gerd Grözinger ist Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg.  Foto: 

Herr Professor Grözinger, das von Arbeitsministerin Nahles vorgeschlagene „persönliche Erwerbstätigenkonto“ ähnelt einem Modell, das Sie und Kollegen bereits 2007 vorgelegt haben. Worum ging es da?

Gerd Grözinger: Wir haben im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung die aus den USA stammende Idee der Teilhabegesellschaft aufgegriffen und sie auf deutsche Verhältnisse übertragen.  Es freut uns, wenn Frau Nahles dies nun ihrerseits aufgreift. Sie bleibt aber bisher unkonkret. Unklar ist, wer eigentlich die Berechtigten des Kontos sein sollen. Sind etwa auch junge Mütter eingeschlossen? Zweitens stellt sich die Frage, wofür das Ganze gut sein soll. Uns war es damals wichtig, dass jeder, der studieren will, von dem Geld ein Studium finanzieren kann. Die von Frau Nahles vorgeschlagenen 20 000 Euro reichen noch nicht mal mehr dafür aus.

Sie hatten sich für einen Betrag von 60 000 Euro für alle jungen Menschen ausgesprochen. Welche Idee lag dem zugrunde?

Wir haben dafür den Begriff der Sozialerbschaft eingeführt. Gemeint ist damit eine Erbschaft für alle – im Gegensatz zum familiären Erbe, das nur derjenige bekommt, der in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird. Ein weiterer Punkt ist, dass familiäre Erbschaften nicht mehr wie früher als Startkapital für die nächste Generation zur Verfügung stehen. Die Kinder sind ja heute meist schon um die 50, wenn ihre Eltern sterben.

Nahles will aber, dass das Geld über das ganze Erwerbsleben hinweg zur Verfügung steht, nicht nur als Startkapital in jungen Jahren ...

Wenn das Geld auch für ein Sabbatical nach vielen Erwerbsjahren genutzt werden kann oder für eine Pflegeauszeit, ist das eine hochattraktive Idee. Unsere Erwerbsbiografien werden immer unstetiger und es gibt in unserem Leben mehr Umwälzungen als früher.

Die Ministerin sieht das Konto als Alternative zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Sie auch?

Die Folgen eines bedingungslosen Grundeinkommens sind vermutlich nicht nur positiv, es fehlen großflächige Versuche dazu. Eine Sozialerbschaft ist tatsächlich eine denkbare Alternative. Aber auch dieses Modell hat Risiken, etwa dass einzelne das Geld einfach verjubeln.

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