Interview mit Wolfgang Thierse: „In Dresden oder Leipzig sieht es anders aus“

Der Politiker und ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse spricht im Interview über die Landflucht in den neuen Bundesländern, Massenarbeitslosigkeit und den Ostbeauftragten der Bundesregierung.

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Wolfgang Thierse: Interview zur Lage in den neuen Bundesländern.  Foto: 

Der Politiker und ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse spricht im Interview über die Landflucht in den neuen Bundesländern, Massenarbeitslosigkeit und den Ostbeauftragten der Bundesregierung.

Wie beurteilen Sie den Stand der deutschen Einheit?

Ich sehe eine gemischte Bilanz. Auf der einen Seite ist der Abstand des Ostens bei der Arbeitslosigkeit, bei den Gehältern und bei der Rente nicht mehr so groß. Aber der ökonomische Aufholprozess stagniert nun seit Jahren.

Ist es nicht so, dass für die meisten im Westen der Einheitsprozess abgeschlossen ist und das Interesse am Osten rapide abnimmt?

Das ist wohl so. Die großen Aufregungen und Konflikte liegen hinter uns. Nun bekommen eben auch Regionen im Westen, die wirtschaftlich in Schwierigkeiten stecken, größere Aufmerksamkeit.

Muss man nicht den Ostdeutschen sagen, dass die 30 Prozent geringere Wirtschaftskraft zumindest noch lange bestehen bleiben?

Das hat ja die Ostbeauftragte der Bundesregierung recht deutlich gemacht. Aber man darf nicht vergessen, dass es im Osten selbst Unterschiede gibt. In Dresden oder Leipzig sieht es eben anders aus in ländlichen Regionen. Das ist eine bittere Wahrheit. Diese Differenzen zwischen Stadt und Land finden wir allerdings überall in Europa.

Aber selbst in ostdeutschen Regionen, in denen es den Menschen wirklich gut geht, sind viele unzufrieden. Worauf ist das zurückzuführen?

Ich beobachte diese Unzufriedenheit auch. Es hilft da auch nicht, wenn man darauf hinweist, dass Ostdeutschland über dem europäischen Durchschnitt liegt. Die Unzufriedenheit hat aber nicht nur ökonomische Ursachen, sondern hängt stark mit dem Gefühl der Zurücksetzung, der Nichtgleichberechtigung zusammen.

Basiert dieses Gefühl auf realen Gründen?

Ja. Die Erfahrungen der letzten 25 Jahre waren nicht nur positiv. Massenarbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund haben Spuren hinterlassen.

Brauchen wir noch einen Ostbeauftragten?

Wie immer man es nennt, jemand muss die ostdeutschen Interessen in der Bundesregierung energisch vertreten.

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