Interview mit Margot Käßmann über Luther und Zivilcourage

Im Jahr des Reformationsjubiläums steht die Protestantin noch einmal in der Öffentlichkeit, kämpft für Zivilcourage und gegen Fremdenhass.

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Sommerluft liegt über dem Gendarmenmarkt, dem wohl schönsten Platz Berlins. Der Deutsche und der Französische Dom flankieren das historische Zentrum, das im 17. Jahrhundert nach den Plänen von Johann Arnold Nering geschaffen wurde und bis heute von der Vielfalt protestantischer Religion zeugt. Das Büro der Botschafterin für das Reformationsjubiläum ist auf den Platz ausgerichtet. Während von der gegenüberliegenden Musikhochschule Klaviermusik zu hören ist, eilt Margot Käßmann in roséfarbenem Jacket und Sneakers herbei. So kurz vor dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag, der in der nächsten Woche in Berlin und Wittenberg stattfindet, geht es bei ihr Schlag auf Schlag.

Frau Käßmann, seit fünf Jahren beschäftigen Sie sich als Reformationsbotschafterin mit Luther. Können Sie die ganze Lutherei überhaupt noch ertragen?
Margot Käßmann (lacht):  Ich kann das Ganze auch mit Humor sehen. Diese Luther-Enten, den Luther-Wein oder die Playmobilfigur, die schon 750.000 mal verkauft worden ist. Manch einer schimpft und stellt sich dann das Figürchen doch auf den Schreibtisch.

Wie hat sich Ihr Luther-Bild in dieser Zeit verändert?
Das Sprachgenie Luther imponiert mir heute mehr als früher – er hat Sprache geschaffen. Begriffe wie Geizhals oder Lückenbüßer gehen auf ihn zurück. Doch Luther hatte auch Schattenseiten. Sein Antijudaismus war mir vorher so nicht bewusst. Es war schon ein wichtiger Prozess zu sagen, unsere Kirche distanziert sich von Luthers Judenschriften – und das vor dem Jubiläumsjahr zu tun.

Kann jemand, der so gegen Juden gehetzt hat, der Muslime, als Hexen diffamierte Frauen und aufmüpfige Bauern am liebsten aufgeknüpft hätte, heute noch Vorbild sein?
Ja, und zwar insofern, als er sich selbst seiner eigenen Fehler bewusst war. Er hat gesagt, jeder Mensch sei immer Sünder und Gerechter zugleich. Für uns ist es wichtig, die Schattenseiten zu benennen. Es gibt keinen Luther, der makellos auf dem Heldenpodest steht.

Luther trieb die Frage um: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das beschäftigt heute kaum noch jemanden. Hat uns dieser fremde Mensch des Mittelalters noch etwas zu sagen?
Es stimmt, bei einer Umfrage zu Themen, die Menschen beschäftigen, käme diese Frage so nicht vor. Aber Fragen wie: Macht mein Leben Sinn, wenn ich nicht mithalten kann? Wenn ich die Leistungskraft nicht habe, die gefordert wird? Oder wenn ich nicht aussehe, wie die Models bei Heidi Klum? All diese Fragen zielen letztlich auf das Thema: Wie ist mein Leben gerechtfertigt? Luther war der Ansicht, dass dem Leben Sinn zugesagt ist, bevor jemand etwas leistet, oder anerkannt wird. Das ist eine Antwort, die für Menschen heute wertvoll ist.

Was ist für Sie der bleibende Schatz aus Luthers Vermächtnis?
Die Befreiung aus der Angst ist in meinen Augen entscheidend für Luthers theologischen Durchbruch. Er hat uns einen Ausweg gezeigt aus der Angst vor einem strafenden Gott, für den ich tausend Dinge tun muss, damit mein Leben gerechtfertigt ist. Seiner Haltung ist er  selbst vor dem Kaiser treu geblieben. Dabei ging es für ihn um Leben und Tod. Dieser Mut ist wichtig, auch für die Menschen von heute.

Das klingt nach einer Aufforderung zur Zivilcourage…
…vor allem zum Selberdenken. Luther hat die Menschen dazu aufgefordert, nicht jemandem nachzulaufen, der ihnen sagt, was sie zu glauben und zu denken haben. Selber lesen, selber denken, eigene Fragen stellen und dann Haltung zeigen. Das ist wichtig in einer Zeit, in der ­Fundamentalismus um sich greift. Nicht nur bei Muslimen, auch bei Christen, Buddhisten und Hinduisten.

An welcher Stelle würden Sie mit Luther gerne ein Hühnchen rupfen?
Dort, wo es um seine gewalthaltige Sprache geht. Menschen ziehen auch heute extrem verachtend übereinander her – auch auf diese Weise kann die Menschenwürde, die unantastbar  ist, verletzt werden.

Populisten bedienen sich gerne einer diskriminierenden Sprache. Auch die AfD. Ist es richtig, sie zum Kirchentag in Berlin einzuladen? Die Katholiken haben davon im vergangenen Jahr Abstand genommen.
Das ist schwierig. Wir haben immer gesagt, Menschen, die andere abwerten, rassistisch und sexistisch agieren, haben auf dem Kirchentag nichts zu suchen. Wenn nun eine Frau meint, Christin und AfD-Mitglied sein zu können und sich der Diskussion stellt,  kann und will ich sie nicht abweisen. Eine Ausgrenzung würde die Opferrolle bedienen, in der sich die AfD gerne sieht. Fakt ist: Das Evangelium kann nicht für Fremdenfeindlichkeit instrumentalisiert werden, schon gar nicht für eine Jagd auf Fremde.  Das christliche Abendland steht für Nächstenliebe und die Solidarität mit Schwächeren.

Entgegen mancher Vorhersagen erstarken die Religionen fast überall auf der Welt, oft in fundamentalistischer Form. Warum ist das Modell einer aufgeklärten Religion  so wenig attraktiv?
Die Religionen waren nie weg. Mir tut es weh, wenn sie jetzt von Terroristen­ in­strumentalisiert werden. Vielerorts wachsen auch traditionelle Kirchen, in Tansania etwa gewinnt die lutherische Kirche an Mitgliedern. Die Säkularisierung beschränkt sich auf West- und Osteuropa, ist also Ausnahme und nicht die Regel. Ich wünsche mir aber einen Glauben, der Aufklärung aushält.

Heißt das für Westeuropa: Sich lieber mit einem kleinen Kreis von Überzeugten bescheiden, als nach Größe zu streben?
Kirchen sind keine Wirtschaftsunternehmen. Nicht Zahlen sind unser Erfolg, sondern glaubwürdige Rede vom Evangelium. Erfolgreich sind sie, wenn sie den Menschen beistehen und das friedliche Zusammenleben prägen.

Der Kirchentag wird stark ökumenisch geprägt sein. Luther war aber doch angetreten, um die Kirche von einem verkommenen Papsttum zu befreien. Ein Widerspruch?
Luther wollte seine Kirche nicht spalten, er wollte sie reformieren. Mir geht es nicht um eine Einheitskirche. Die wäre so langweilig wie eine Einheitspartei. Ich finde Vielfalt gut, und das Papsttum wird für Protestanten immer ein kritischer Faktor bleiben, auch das Amtsverständnis, das Zölibat, Heiligsprechungen, die fehlende Frauenordination. Trotzdem erkenne ich in den Katholiken Geschwister.

Der ehemalige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber hat sich stark gemacht für eine „Ökumene der Profile“. Wird diese durch den Kirchentag nicht verwässert?
Das denke ich nicht. Allerdings tritt in einem zunehmend säkularen Umfeld das Verbindende stärker in den Vordergrund als das Trennende. Gerade Ostdeutsche betonen, dass Ökumene in der DDR eine Selbstverständlichkeit war, weil sich die Kirchen in der absoluten Minderheitensituation befanden.

Als Botschafterin des Luther-Jubiläums sind Sie wieder sehr präsent. Das war davor nicht so. Haben Sie die Zeit nach Ihrer Alkoholfahrt und dem Rücktritt von der EKD-Spitze als Absturz erlebt?
Als Veränderung, ja, das schon. Doch meine Identität hängt nicht am Amt. In der evangelischen Kirche haben wir Ämter auf Zeit, aber sie definieren den Menschen nicht. Das ist mir sehr wichtig.

Was hat Ihnen damals Kraft gegeben?
Mir macht der christliche Glaube Mut, auch Krisen zu überstehen. Wir haben keinen Glauben, der vorgibt, alles werde gut. Das Kreuz ist unser zentrales Symbol. Da wird deutlich, dass selbst Gott ohnmächtig  ist gegenüber Leid. Zu unserem Glauben gehört auch Versagen. Der Mensch ist kein perfektes Wesen. Für mich heißt das, dass ich auch in den schwierigen Zeiten des Lebens von Gott getragen und gehalten bin.

Sie sind mit Krisen wie Ihrer Brustkrebserkrankung und Ihrer Scheidung immer offen umgegangen. Wird das honoriert?
Ich hatte gar keine andere Möglichkeit, als das offen zu kommunizieren. Ich kann nicht drei Monate aus dem ­öffentlichen Leben verschwinden, ohne dazu etwas zu sagen. Das ist nicht angenehm, weil jeder glaubt, er kenne Dich nun. Da entsteht ein ­öffentliches Bild, das schwer zu lenken ist. Ich beneide niemanden, der massiv in der Öffentlichkeit steht.

Für viele Menschen sind Sie ein Vorbild, wenn es darum geht, Krisen zu bewältigen.
Vermutlich. Das hat die starke Reaktion auf mein Buch „In der Mitte des Lebens“ gezeigt, in dem ich über meine Erkrankung geschrieben habe. Viele Frauen haben mir gesagt: Das hat mir geholfen. Insofern war das Buch Seelsorge im eigentlichen Sinn.

In Kürze beginnt der Kirchentag, auch mit vielen Spitzenpolitikern. Bewegen wir uns auf einen Staatsprotestantismus zu?
Der Kirchentag ist das lebendigste und größte Diskussionsforum, an dem Politiker teilnehmen. Die Kirchentagsbesucher sind kritische Zuhörer. Sie spenden nicht nur Beifall. Das hat Angela Merkel in frühen Jahren als Umweltministerin deutlich zu spüren bekommen. Doch sie hat sich der Auseinandersetzung gestellt. Am wichtigsten für mich sind in diesem Jahr die 16 Wochen in Wittenberg. Da haben wir Zeit, in die Tiefe zu gehen.

Wo ist mehr Distanz zur Politik wichtig?
Die Kirche ist nicht parteipolitisch. Sie lässt sich auch nicht vereinnahmen. Gerade haben wir Auseinandersetzungen über die Frage des Kirchenasyls. Wir sehen es auch kritisch, wenn bei Asylanhörungen staatliche Mitarbeiter Taufen von Flüchtlingen anzweifeln. Kein Pfarrer tauft verantwortungslos. Der Staat kann keine Glaubensfragen stellen. Viele ­Politiker sind christlich gebunden und haben ein eigenes Ethos. Ich glaube, dass es bei uns gut läuft. Im laizistischen Frankreich ist die Politik gar nicht in der Lage, mit Religionsgemeinschaften ins Gespräch zu kommen. Doch sie bedeuten etwas für das Leben vieler Menschen. Insofern ist unser Dialog gut.

Kontroversen haben Sie nie gescheut. Für Ihre kritischen Worte zum Afghanistan-Einsatz haben Sie viele Prügel bekommen.
Das kann man sagen.

Wie stehen Sie als Pazifistin zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus und den IS?
Meine pazifistische Haltung hat sich nicht geändert, weil ich nicht sehe, wie Frieden entstehen soll durch ständige Aufrüstung, jetzt auch durch Waffenexporte in Krisengebiete wie Saudi-Arabien und Katar. Ich halte das für fatal. Ich sage nicht, wer eine pazifistische Haltung hat, wäscht seine Hände in Unschuld. Man kann schuldig werden mit und ohne Waffengebrauch. Wir investieren immer mehr in Rüstung. Doch eine vergleichbare Unterstützung in die Landwirtschaft der Krisenländer, in Mediatoren und so weiter sehe ich nicht. Ich wünsche mir mehr Investitionen in den Frieden.

Aber kann man damit auch der radikal-islamischen Terrormiliz begegnen?
Die einzig akzeptierte Antwort auf dieses Problem heißt im Moment: Wir müssen sie alle töten. Und das finde ich nicht überzeugend. Der Irakkrieg hat den IS erst möglich gemacht. Das darf man nicht vergessen.

Menschen der Mittelschicht tragen in weiten Teilen die Kirche. Sie besuchen Gottesdienste, engagieren sich. Erleben wir eine Verbürgerlichung der Religion?
Die Frage treibt mich um. Wir haben alle Hilfen professionalisiert und ausgegliedert. Hier die Einrichtung für Alleinerziehende, dort die Obdachlosenhilfe, da die Sucht- und Drogenberatung. Das ist alles gut. Aber das bedeutet noch nicht, dass wir im Gottesdienst zusammenkommen. Da stellt sich die Frage: Wie werden Gottesdienste so, dass die Menschen Sehnsucht danach haben, weil sie das für das Leben stärkt.

Ist die Nachrangigkeit von Gottesdiensten eine Folge des Individualismus, den der Protestantismus so betont? Da steht das Verhältnis zu Gott im Mittelpunkt  – ohne die Gemeinde.
Das ist eine Antwort. Für Evangelische ist die Kirche keine Heilsvermittlerin. Trotzdem ist der Christ von der Bibel her ein Gemeinschaftswesen. Das müssen wir wieder stark machen. Es wird auf dem Kirchentag viele Formen der Begegnung geben. Diese zu verbinden mit dem Gottesdienst, wird eine Aufgabe sein.

Von welchen Kirchen kann der deutsche Protestantismus lernen?
Lernen können wir von der Gospelbewegung und den Pfingstkirchen. Allerdings möchte ich Letzteres nicht kopieren. Denn ich finde dort auch einen hohen Moralismus. Aber über die Freude am Gottesdienst lässt sich da etwas lernen.

Muss, wer Christ ist, auch politisch sein?
Für mich gehört das zusammen. Ich kann die Bibel gar nicht anders lesen, als dass sie mit dem Leben der Menschen zu tun hat und mit der Polis, also der Gemeinschaft, in der wir leben. Die Bibel hat ja nicht nur etwas mit dem Glauben zu tun, sondern auch mit der Frage: Wie leben wir in dieser Welt verantwortlich zusammen? Da heißt es auch: Seid Friedensstifter. Und nicht: Seid Kriegsbeginner.

 Sie haben angekündigt, nach dem Reformationsjubiläum kein öffentliches Amt mehr zu übernehmen. Ist Ihnen davor nicht bange?
Nein, ich freue mich darauf. Die zweite Jahreshälfte 2018 möchte ich gar keine öffentlichen Termine mehr wahrnehmen. Wenn Du so viel geredet und geschrieben hast, willst Du Dich darum kümmern, wie die letzten Jahre des Lebens aussehen sollen. Und dafür nehme ich mir Zeit.

Wenn Sie an diese Zeit denken, wohin schweift da Ihr Blick?
Ich habe ein Häuschen auf Usedom. Da möchte ich Zeit haben, auch für meine Enkelkinder. Ich will nicht nur die entfernt lebende Oma sein, die Kinder auf Fotos wahrnehmen. Meine Mutter hat für uns Schwestern und ihre Enkel eine große Rolle gespielt – und das möchte ich an meine vier Töchter weitergeben.

Als jüngste von drei Töchtern wurde Margot Käßmann (58) nahe Marburg geboren. Sie studierte Theologie unter anderem an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Käßmann war zunächst Pfarrerin, von 1999 an Bischöfin der Landeskirche Hannover und von Oktober 2009 bis Februar 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands. Von diesen Ämtern trat sie zurück, nachdem sie alkoholisiert in eine Verkehrskontrolle geraten war. Seit 2012 ist sie im Auftrag des EKD-Rates Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.

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