Interview mit Bernhard Pörksen zu Trump

Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen spricht im Interview zum Wahlsieg von Donald Trump.

|
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.  Foto: 

Entgegen fast aller Erwartungen hat Donald Trump die Wahl gewonnen. Wieso lagen so viele Medien falsch?

Bernhard Pörksen: Da war eine Portion Wunschdenken dabei. Eine Art Filterblase und Echokammer der Gemäßigten, die gehofft haben, dass ein solcher Populist und Hasardeur die Wahl zum Präsidenten der wichtigsten Demokratie der Welt nicht gewinnen kann.

Das sagten ja auch alle Umfragen.

Sie lagen erstaunlich falsch. Diese Wahl ist geeignet, die Herrschaft der Demoskopie zu beenden. Wir sehen, dass wir den Daten solcher Umfragen nicht verlässlich trauen können.

Warum ist das so?

Der zentrale Befund lautet „soziale Erwünschtheit“. Man sagt etwas, von dem man glaubt, dass es andere zu hören hoffen. Menschen orientieren sich an gefühlten Mehrheiten. Trump aber war ein Kandidat, der sich durch seine Aggressivität und Pöbeleien isoliert oder der doch sehr stark polarisiert hat. Es ist womöglich nicht einfach, sich offen mit so jemandem zu identifizieren, wenn man von einem Befragungsinstitut angerufen wird. Dies hat vielleicht Verzerrungseffekte produziert.

Trump wurde medial regelrecht dämonisiert, er galt als unwählbar. Hat ihm das am Ende genutzt?

Ich denke, es ist etwas Anderes. Trump profitiert von einer veränderten Medienwelt. Dieser Wahlkampf hat gezeigt, dass der klassische, seriöse Journalismus schwächer wird und seine Durchschlagskraft abnimmt. Die investigativen US-Journalisten haben Trump lange nicht ernst genommen. Man hat ihn als „Reality-TV-Figur“ angegriffen, als Menschen, dessen Habitat die Castingshow ist. Die Enthüllungen über seine möglichen Steuerdeals, Geschäftspraktiken, seinen Umgang mit Frauen und Mitarbeitern kamen sehr spät.

Trump selbst hat Medien ständig angegriffen. Eine gute Strategie?

Breite Kreise in den USA, aber auch in den westlichen Mediensystemen insgesamt begegnen etablierten Medien mit Misstrauen und Skepsis. Sie haben längst eigene Selbstbestätigungsmilieus. Trump hat das in seinem Sinne orchestriert. Er hat sich direkt an seine 13 Millionen Twitter-Follower gewandt und Berichte, die ihm missfielen, als erlogen, falsch oder irreführend bezeichnet. Seine Vorwürfe gegen Medien oder auch gegen Hillary Clinton hat er konstant wiederholt, eingehämmert. Außerdem gab es eine verborgene Komplizenschaft mit dem Fernsehen. Die Einschaltquoten, die Trump den Sendern beschert hat, waren gigantisch. Deshalb lieferten sie ihm kostenlose Sendezeit, kostenlose Werbefläche im Milliardenwert.

Wie sollten Medien künftig mit dem Präsidenten Trump umgehen?

Ich wünsche mir zum einen eine Phase der Selbstreflexion. Wie geht man mit Populisten um? Wann belohnt man sie durch zu viel Aufmerksamkeit? Darüber sollten wir als Gesellschaft diskutieren. Zum anderen müssen Journalisten weiter ihren Job machen und hoffen, dass es nach diesem Wahlkampf, dieser Schlammschlacht eine Rückkehr zu einem akzeptablen öffentlichen Diskurs gibt. Und dass auch dieser Diskurs unter den gegenwärtigen Bedingungen sein Publikum findet.

Erwarten Sie, dass Trumps Wahl Populisten in Deutschland und Europa Auftrieb gibt?

Unbedingt, ja. Diese Wahl ist ein Siegesfanal des Prinzip des aggressiven Populismus. Und sie ist ein Warnschuss für die schweigende Mehrheit der Gemäßigten. Die gesellschaftliche Mitte muss sich überlegen, wie sie Umgangsformen mit diesem aggressiven Populismus findet, die nicht darauf hinauslaufen, dessen Methoden zu imitieren. Wie schafft man es, ernsthaften, ruhigeren, gemäßigteren Stimmen in dieser Phase der erlebten Polarisierung Gehör zu verschaffen. Das ist eine Grundfrage und die entscheidende Bildungsherausforderung unserer Zeit.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Geschäftsleute beklagen unhaltbare Zustände in Ulmer Bahnhofstraße

Bei Regen und Kälte ist nur wenig zu sehen von den unhaltbaren Zuständen, die einige Geschäftsleute auf der Bahnhofstraße beklagen. Doch es gibt sie, auch wenn es derzeit eher entspannt zugeht. weiter lesen