Inhaftierter "Cumhuriyet"-Chefredakteur schreibt weiter

Wegen Berichten über Beziehungen der Türkei zu Dschihadisten in Syrien sitzt der "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar im Gefängnis. Er ist Symbolfigur der unterdrückten Pressefreiheit in der Türkei.

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Selbst im Gefängnis ist er nicht zum Schweigen zu bringen. Von seiner Zelle im Silivri-Gefängnis am Stadtrand von Istanbul aus schreibt Can Dündar weiter gegen den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan an. Der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" sitzt dort seit Ende November wegen des Vorwurfs der "Spionage" und der "Verbreitung von Staatsgeheimnissen" ein. Er ist zur Symbolfigur der Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit durch die islamisch-konservative Regierung in der Türkei geworden.

Hintergrund des repressiven Vorgehens gegen die renommierte Oppositionszeitung ist deren Berichterstattung über die Unterstützung islamistischer Kämpfer in Syrien durch die türkische Regierung. Im Mai hatte "Cumhuriyet" ein Video veröffentlicht, das Lastwagen des türkischen Geheimdienstes MIT zeigt, die im Januar 2014 Waffen für die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) über die Grenze nach Syrien liefern sollten. Erdogan hatte dies als "Verrat" angeprangert und versichert, dass Dündar dafür "einen hohen Preis bezahlen" werde.

Nach der Parlamentswahl in der Türkei, bei der sich Erdogans Partei AKP die absolute Mehrheit zurückholen konnte, wurden Chefredakteur Dündar und sein Büroleiter in Ankara, Erdem Gül, im November inhaftiert und angeklagt. Seither warten sie im Gefängnis von Silivri auf ihren Prozess, für dessen Beginn es noch kein Datum gibt.

Doch Dündar, ein berühmter Journalist in der Türkei und Autor mehrerer Bücher, schreibt seine Kolumnen für "Cumhuriyet" einfach weiter - jetzt im Gefängnis. Die erste dieser Kolumnen, die zu Weihnachten erschien und den Titel "Ein Anfänger-Spion" trug, beschrieb seine Ankunft im Gefängnis. Mit einem kräftigen Schuss Ironie erzählte Dündar, dass sie bei ihrer Ankunft im Gefängnis gefragt wurden, weshalb sie dort seien - wegen "Terrorismus oder allgemeinem Strafrecht"? Daraufhin habe er ernst geantwortet: "Ich bin ein Spion." Er fügte hinzu: "Aber wenn sie mich gefragt hätten, für welches Land, dann hätte ich keine Antwort geben können." Auch die Zeitung lässt sich nicht einschüchtern. "Dreckige Beziehungen mit dem IS an der Grenze", titelte das Blatt vor wenigen Tagen. Es veröffentlichte ein Protokoll eines Gesprächs zwischen türkischen Militärs und Dschihadisten, deren Grenzübertritt nach Syrien organisiert werden sollte.

"Wir machen nur unsere Arbeit, die darin besteht, die Öffentlichkeit über das zu informieren, was in unserem Land vor sich geht", sagt der stellvertretende Chefredakteur Tahir Ozyurtseven, der während Dündars Abwesenheit die Zeitung leitet. Jeden Dienstag besucht er seinen Chefredakteur im Gefängnis und bespricht mit ihm die Berichterstattung. Aus Protest gegen die Inhaftierung von Dündar und Gül hielten die Journalisten kürzlich ihre Redaktionskonferenz direkt vor den Toren des Gefängnisses ab. Journalisten, Abgeordnete und Künstler wechseln sich bei einer Mahnwache ab.

Der weltweit bekannte Pianist Fazil Say erklärte vor wenigen Tagen, der Umgang mit Dündar und Gül sei "eine Schande für die Türkei".

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