Immer mehr Rentner jobben

Hunderttausende Senioren gehen in Deutschland einer geringfügigen Beschäftigung nach. Aus Lust auf Arbeit oder Not? Darüber wird gestritten.

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Immer mehr Menschen im Rentenalter stocken ihre Einkünfte mit einem Minijob auf. Ende 2011 gingen bundesweit insgesamt 761 736 Menschen im Alter über 65 Jahren einer geringfügigen Beschäftigung nach, also einem 400-Euro-Job. Gut 118 000 dieser Minijobber waren sogar über 74 Jahre alt. Seit den Arbeitsmarktreformen von 2003, mit denen die Zahl dieser Tätigkeiten ohnehin deutlich anstieg, war die Zahl noch nie so hoch. So zählte die Bundesagentur für Arbeit Ende 2004 lediglich rund 650 000 Minijobber in Deutschland, die 65 Jahre oder älter waren. Seit dem Jahr 2000 stieg die Zahl der jobbenden Ruheständler um knapp 60 Prozent.

Allein in Baden-Württemberg gab es zum Stichtag 31. Dezember 2011 fast 95 000 geringfügig Beschäftigte im Alter von 65 bis 74. Hinzu kamen 19 860 Minijobber über 74. Eine Zeitreihe, die die Entwicklung im Südwesten verdeutlicht, liegt nach Auskunft der Regionaldirektion für Arbeit bislang nicht vor. Der Anstieg dürfte aber auch hierzulande rasant verlaufen: Baden-Württemberg liegt in absoluten Zahlen an dritter Stelle nach Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Über die Ursache für die Steigerung wird gestritten. Der Sozialverband VdK wertet sie als Hinweis für wachsende Altersarmut. "Ich glaube nicht, dass Rentner Zeitung austragen, im Wachdienst arbeiten oder Regale im Supermarkt einräumen, weil Sie den Kontakt zu Menschen suchen oder Erfüllung in ihrer Arbeit finden wollen", sagte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Sie übten die Jobs aus, um "ihre karge Rente aufzubessern". Das Arbeitsministerium verweist hingegen darauf, dass die Zahl der Senioren ebenfalls gestiegen ist. Der Zuwachs bei den betagten Minijobbern bewege sich in "sehr überschaubaren Dimensionen". Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski hält die steigende Erwerbstätigkeit Älterer für eine normale Entwicklung. "Der Mensch kann auf Dauer nicht untätig in seinen vier Wänden verweilen, er ist auf Leistung programmiert bis ins hohe Alter", sagte Opaschowski.

Der Rentenexperte der Linksfraktion, Matthias Birkwald, warnte hingegen: "Wir rennen sehenden Auges in die Massenaltersarmut." SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles forderte: "Dieser Trend muss gestoppt werden."

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