Interview: Im Wahlkampf muss Sprache Weltanschauung transportieren

Jedes Wort transportiert eine Weltanschauung mit. Deshalb müsse man im Wahlkampf besonders genau hinhören, sagt die Sprachforscherin Elisabeth Wehling.

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Als Sprachexpertin ist sie gefragt. Elisabeth Wehling beobachtet Wahlkämpfe in vielen Ländern. Auch in Deutschland ist sie gefragt. Wir erreichen die Forscherin in Boston an der Universität. Von dort schildert sie am Telefon ihre Eindrücke von den Kampagnen der Parteien.

Frau Dr. Wehling, Sie beschäftigen sich mit dem Einfluss von Sprache auf die Politik. Kommt es im Wahlkampf auf Worte überhaupt an?

Elisabeth Wehling:  Sprache aktiviert Bilder. Wenn unser Gehirn Sprache verarbeitet, holt es sich dazu seine gesammelte Welterfahrung zur Hilfe. So entsteht erst die Bedeutung des Wortes. Sprache hat die Möglichkeit, Stimmungen zu erzeugen, positive und negative.

Ein Beispiel?

Wenn wir von einer „Flüchtlingswelle“ sprechen sehen wir in Gedanken Wasser und Wellen. Unser Gehirn wirft viele Schaltkreise an. Sprechen wir abstrakter über die Migrationsbewegung, lässt sich das nicht mehr in Bildsprache übersetzen. Die Herausforderung im Wahlkampf ist, eine Sprache zu nutzen, die nicht nur unserem Weltbild entspricht, sondern auch zu unserer Welterfahrung passt, damit sie Meinungen und Bilder hervorruft. Das gelingt nicht immer. Worte wie „Gerechtigkeit“ oder „Freiheit“ aktivieren zum Beispiel wenige Bilder.

Was heißt das für Wahlkämpfer?

Sie müssen eine Sprache sprechen, die ihrer Weltanschauung gerecht wird und deutlich machen, was die moralische Prämisse ihrer Forderungen ist. Ein Beispiel: „Regulierung“ ist ein Wort, mit dem eher konservative Menschen Eingriffe in den Markt verbinden. Wird die Forderung aus linkspolitischer Perspektive erhoben, müsste von Schutz gesprochen werden. Das schafft Transparenz. Wer zum Beispiel für eine menschliche Asylpolitik werben will, sollte nicht von einem „Flüchtlingsstrom“ reden. Besser wäre: „Menschen auf der Flucht“.

Und der Zuhörer oder Leser?

Er muss beachten, dass jedes Wort eine Weltanschauung mittransportiert. Da gilt es genau hinzuhören.

Das klingt, als bräuchten wir einen inneren Übersetzer.

Ja. In meinem Buch habe ich eine ganze Reihe von Schlagwörtern durchleuchtet. Daraus ergibt sich ein gewisser Leitfaden. Der Hörer oder Leser  sollte immer fragen: „Was wird da gerade gesagt? Welche Metaphern werden benutzt?“

Wir haben zuletzt einige Wahlkämpfe erlebt: in den USA, in Frankreich, Großbritannien, Österreich. Welcher Wahlkämpfer war aus Sicht der Sprachforscherin gut?

Sicher Donald Trump. Ihm ist es gelungen zu transportieren, dass Amerika im Kampf mit dem Rest der Welt steht und Eigeninteressen vertreten muss – nationale und individuelle. Das heißt dann: keine Steuern für Superreiche. Damit vertritt Trump einen zentralen Wert konservativer Positionen. Alle Amerikaner, die an den Wert des Eigeninteresses glauben, hat er mit dieser Kampagne abgeholt. Ein großer Teil der Amerikaner glaubt an eine sozialdarwinistische Gesellschaft. Reichtum wird dann zum Symbol moralischer Autorität. Wer mehr Geld im freien Wettbewerb erwirtschaftet, ist danach moralisch besser. Diese Deutung greift auch bei Menschen, die arm sind. Trumps Botschaft war: Ich bin reich, ich bin besser. Das haben ihm viele abgenommen.

Aus unserer Perspektive schwere Kost. Wo bleibt da die Rationalität?

Der Gedanke der objektiven Rationalität, das heißt der Aufklärungsgedanke, wird in der Kognitionsforschung klar widerlegt. Der Unterschied zwischen Parteien und ihren Konzepten ist ein moralischer. Deshalb entscheidet sich der Bürger für eine Weltanschauung und nicht für die Fakten an sich.

Was heißt das für den Wahlkampf. Reichen Emotionen statt Fakten?

Da gibt es ein großes Missverständnis. Es geht gerade nicht um Emotionen, sondern um Weltanschauungen. Diese sind viel weitreichender. Hier lautet die Frage, wie muss die Welt regiert werden, damit sie besser wird?

Haben Sie ein Beispiel?

Bleiben wir beim Eigeninteresse. Dieser Wert geht davon aus: Je besser der Einzelne für sich selbst sorgt, desto besser geht es der Gemeinschaft. Hohe Steuern gelten danach als unmoralische Bestrafung von Eigenleistung, soziale Fürsorge als negativ für die Selbstdisziplin. Das ist eine Welt­anschauung, die stärker im rechtspolitischen Lager vertreten wird. Auf der anderen Seite steht die fürsorgliche Weltanschauung. Danach  ist ein empathischer Umgang miteinander ein hoher Wert. Um den zu stärken, müssen benachteiligte Menschen besonders befähigt werden. Auch hier ist das Ziel: Jedem soll es gut gehen. Diese Ideologie ist stärker im linkspolitischen Lager vertreten. Nach solchen Denkmustern werden Fakten interpretiert.

Was fällt Ihnen in Bezug auf den Wahlkampf in Deutschland auf?

Bisher ist die SPD in einem stärkeren Wahlkampfmodus. Sie setzt auf soziale Gerechtigkeit und listet Positionen für die Arbeitswelt, die Kindererziehung . . .  auf. Doch bei der Antwort, warum das das richtige Konzept sein soll, ist Luft nach oben. Einen Bruch gibt es zum Beispiel beim Aspekt Finanzierung: Wenn die SPD ständig von „Steuerlast“ spricht, widerspricht sie sich, denn sie will Menschen ja nicht schaden. Der Aspekt, dass sich in Steuern  Verantwortung ausdrückt und diese deshalb gut und  moralisch geboten sind, kommt so nicht zum Ausdruck. Die SPD wird nicht gewählt, weil sie einzelne materielle Vorteile verspricht, sondern weil sie die Weltanschauung ihrer Wähler trifft. Sonst müssten besonders arme Menschen weit links wählen. Das trifft nicht zu.

Bei den Landtagswahlen punktete die rechtspopulistische AfD. Gelingt es ihr leichter, für sich zu werben?

Sie ist gut darin, ihr thematisch begrenztes moralisches Weltbild zu propagieren. Da geht es primär um den Erhalt einer homogenen Gruppe und um Abschottung nach außen. Auch gibt es die Vorstellung einer moralischen Hierarchie. Bestimmte Menschen sind danach mehr wert als andere: Weiße, Männer, Christen . . .  Dieses Wertekorsett kommuniziert die Partei extrem scharf und laut.

Wie sollten etablierte Parteien auf sie reagieren?

Wenn ein politischer Gegner eine moralische Attitüde in den Raum stellt, sollte man diese nicht aufgreifen und innerhalb der Debatte beantworten. Das bestärkt nur denjenigen, der das Thema setzt. Antworten muss man mit eigenen moralischen Prämissen. Wenn die AfD von „Flüchtlingsschwemmen“ spricht, muss man das Thema aufgreifen und verändern: Man kann von Menschen sprechen, die auf der Flucht sind oder über die Vertreibungs- und Solidaritätskrise in Europa. So bleibt man beim Thema, setzt aber einen eigenen Duktus. Wenn man sich in eine Sprache einkauft, kauft man sich in das Gedankengut ein.

Elisabeth Wehling ist Sprach- und Ideologieforscherin. Sie forscht an der University of California, Berkeley. Von ihr erschien das Buch „Politisches Framing“ Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Edition Medienpraxis, 221 Seiten.

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