Im Visier der Partner

Die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte wird zum Problem. Schuld sind Mentalitätsunterschiede und die Unterwanderung durch die Taliban. Die Zahl der Opfer in den Reihen der Nato-Soldaten steigt.

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Afghanische Polizisten während der Invasion der Isaf 2002. Seither werden sie vom Westen ausgebildet. Doch viele Probleme sind geblieben. Foto: dpa

Seit die ausländischen Kontingente die afghanischen Truppen nicht nur ausbilden, sondern mit diesen zu gemeinsamen Einsätzen ausrücken, wächst das Misstrauen. Immer wieder richten afghanische Soldaten ihre Waffen gegen ihre ausländischen Verbündeten. Die Nato hatte lange versucht, diese Vorfälle als tragische Ausnahmen abzutun, um kein schlechtes Licht auf das so genannte Partnering fallen zu lassen. Doch die Zunahme der Attacken setzt inzwischen Politiker und Militärs unter Handlungszwang.

In den USA, wo Präsident Barack Obama seine zweite Amtszeit anstrebt, heizen solche Nachrichten die Stimmung gegen den unpopulären Krieg weiter an. Nach Angaben der von der Nato geführten internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf starben 2011 bei Angriffen von Afghanen in Armee- oder Polizeiuniform 35 ausländische Soldaten, darunter drei Bundeswehrangehörige. Seit Beginn dieses Jahres wurden bereits 45 Angehörige des internationalen Kontingents getötet.

Die Isaf ordnete deshalb an, dass alle Koalitionssoldaten künftig stets eine geladene Waffe tragen müssen. Bislang war das in der Regel nur bei Kampfeinsätzen oder Patrouillenfahrten üblich. Außerdem sollen künftig Guardian Angel (Schutzengel) an allen Zusammentreffen von Isaf-Soldaten und afghanischen Sicherheitskräften teilnehmen. Die dafür bestimmten ein oder zwei Soldaten werden unerkannt die Begegnungen überwachen und im Falle einer akuten Bedrohung sofort das Feuer eröffnen. Experten bezweifeln den abschreckenden Charakter dieser Maßnahmen.

Nach einem Anschlag auf Bundeswehrangehörige in der Provinz Baghlan im Juni 2011, bei dem ein 23-jähriger Soldat starb, gab es Hinweise auf Verrat durch die afghanischen Partner. Der zuständige afghanische General schlug die Ermittlungen nieder und veranlasste die Freilassung der involvierten Armeeangehörigen. Verrat war offensichtlich auch im Spiel, als sich der Isaf-Kommandeur für Nordafghanistan, der deutsche Generalmajor Markus Kneip, mit lokalen Entscheidungsträgern im Mai 2011 traf, um die angespannte Sicherheitslage zu erörtern. Kneip überlebte ein Attentat auf das Treffen verletzt, ein Major und ein Hauptfeldwebel aus seiner Begleitung starben. Mehrere afghanische Gesprächspartner kamen ebenfalls um.

Der afghanische Geheimdienst NDS schätzt, dass in den Reihen von Armee und Polizei 130 bis 150 so genannte Schläfer auf ihren Einsatz gegen die internationalen Truppen warten. Bis zu sieben Prozent aller regulären Sicherheitskräfte sympathisieren demnach mit den Taliban. In Wirklichkeit dürften es noch weit mehr sein. Das Thema Infiltration reden westliche Militärs weiter klein, obwohl US-Generalstabschef Martin Dempsey zugeben musste, dass hunderte afghanische Soldaten ausgemustert wurden, von denen eine Radikalisierungsgefahr ausging.

Auf beiden Seiten bestehen tiefgehende Ressentiments. Afghanische Soldaten schildern vor allem die US-Truppen als arrogant und grob. Die westlichen Ausbilder beklagen einen hohen Prozentsatz an Analphabeten, mangelnde Disziplin und eine die Ausbildung behindernde Fluktuation. Fehlende Sprachkenntnisse, Missachtung kultureller Werte und Nichteingehen auf die Mentalität lassen Welten aufeinanderprallen. Das Resultat ist gegenseitige Verachtung. Intern befürchtet nun die Isaf, dass mit den getroffenen Schutzmaßnahmen die Kluft noch größer und damit der für 2014 geplante Abzug insgesamt gefährdet werden könnte.

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