Im Schatten der Toten

"Ich habe seither jeden Tag an diese 21 Stunden gedacht", sagt Henry Hershkovitz, der 1972 dem israelischen Olympia-Team angehörte. Mit fünf anderen Sportlern ist er an den Ort des Geschehens zurückgekehrt.

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  • Nach der Geiselnahme israelischer Sportler im Olympischen Dorf zeigt sich einer der acht palästinensischen Terroristen der Gruppe "Schwarzer September" auf einem Balkon des überfallenen Quartiers. Foto: Getty 1/2
    Nach der Geiselnahme israelischer Sportler im Olympischen Dorf zeigt sich einer der acht palästinensischen Terroristen der Gruppe "Schwarzer September" auf einem Balkon des überfallenen Quartiers. Foto: Getty
  • Hätte ich schießen sollen? Diese Frage quält den Sportschützen Zelig Shtorch bis heute. Foto: Biography Channel 2/2
    Hätte ich schießen sollen? Diese Frage quält den Sportschützen Zelig Shtorch bis heute. Foto: Biography Channel
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Am 7. September 1972 landet die El-Al-Sondermaschine in Tel Aviv, einen Tag nach dem Geiseldrama der Olympischen Spiele in München. An Bord sind die Lebenden und die Toten: israelische Sportler, die den palästinensischen Terroristen entfliehen konnten; und jene, die bei der stundenlangen Schießerei in der Nacht vom 5. auf den 6. September ermordet worden sind.

Henry Hershkovitz, damals 45 Jahre alt und Sportschütze, hat überlebt. Auf dem Rollfeld läuft ihm seine Frau entgegen, will ihn umarmen, doch er weist sie zurück: "Es ist nicht die Zeit für Umarmungen." Hershkovitz spürt: Es liegt keine Freude darin, entkommen zu sein. Denn die anderen mussten sterben und liegen jetzt in den elf Särgen, die mit weißen Tüchern und dem blauem Davidstern umhüllt sind.

Heute lehnt sich Hershkovitz an die Brüstung im Vip-Bereich des Münchner Olympiastadions, umgeben von weiteren fünf Sportlern von damals und einem einstigen Mannschaftsbetreuer. Sie blicken auf das leere Stadion mit den tausenden hellgrünen Sitzen. Die Überlebenden sind zurückgekehrt nach München, an die Orte der Spiele und der Tat, 40 Jahre danach.

Jahrzehntelang haben sie sich gefragt: Warum hat nie jemand mit uns geredet, warum wollte keiner etwas über uns wissen, die wir dabei waren? Sie sind Männer mit grauen Haaren, über 60 oder 70 Jahre alt. Hershkovitz mit Schnurrbart und streng zurückgekämmter Frisur ist der Älteste, er ist 85.

Als die israelische Mannschaft mit einem guten Dutzend Teilnehmern am 26. August 1972 bei der Eröffnungsfeier in das Stadion einzog, trug Hershkovitz die Fahne. Ein kleines, stolzes Team aus Ringern und Fechtern, Gehern und Seglern. "Das war fast wie die Geburt eines Kindes", erinnert sich Fechter Dan Alon (67). Eine israelische Mannschaft drei Jahrzehnte nach dem Holocaust bei Olympia in einem neuen, friedlichen und fröhlichen Deutschland. Heute sagt Alon: "Ich fühle mich immer noch gut in München, mag die Menschen, das Essen, die Stadt." Schon sein Vater war Fechter, und sein Sohn ist es auch. Alon wurde fünf Mal israelischer Meister: "Aber nach dem Attentat konnte ich das Florett nicht mehr in die Hand nehmen."

"Anatevka" hatte sich die Mannschaft am Abend vor dem Überfall angesehen, das jiddische Musical über den Milchmann Tevje. Spät kamen sie in ihr Quartier zurück in der Connollystraße 31 im Olympia- dorf. Es gab Zutrittsausweise für die Athleten, aber keine Kontrollen, erzählen sie von den für heute unvorstellbar laxen Sicherheitsstandards. "Jeder, der einen Trainingsanzug trug, kam in das Gelände rein", erinnert sich der einstige Geher Shaul Paul Ladany.

Um 4.45 Uhr stürmten die palästinensischen Terroristen das Haus. Zwei Israelis wurden erschossen, weitere neun als Geiseln genommen: Sie alle starben in der Folgenacht bei der missglückten Befreiungsaktion auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck.

Die anderen Sportler aus dem Mannschaftsquartier konnten sich in Sicherheit bringen. Dan Alon floh durch den Garten, ebenso Henry Hershkovitz. Der bereits angeschossene Trainer Moshe Weinberg hatte, erzählt der einstige Schwimmbetreuer Avraham Melamed, die Terroristen ins Apartment 3 gewiesen. Sie hatten ihn gezwungen zu sagen, wo sich weitere Sportler befanden. "Dort waren die starken Athleten, die Gewichtheber und Ringer", erzählt Ladany. "Weinberg dachte, sie könnten sich besser wehren." Im Apartment 2 aber, das die Palästinenser nicht im Blick hatten, waren die Kleineren untergebracht, die flohen - Fechter, Schützen, Geher.

Das Terrorkommando der Gruppe "Schwarzer September" wollte mit der Geiselnahme mehr als 200 in Israel inhaftierte Palästinenser freipressen. Mit Gewalt sollte auf das Leid des Volkes aufmerksam gemacht werden. Ziel war, das Palästinenserproblem zu "internationalisieren", es mit terroristischen Mitteln in einflussreiche westliche Länder hineinzutragen.

"Es ist nicht einfach, mit dem Leben davongekommen zu sein", sagt der Filmproduzent Emanuel Rotstein. Für eine Dokumentation des Pay-TV-Senders "Biography Channel" (Der elfte Tag, 5. September, 20 Uhr) hat er die Sieben nach München geholt. Bei den Recherchen stellt er fest, dass es einsam macht, ein Überlebender zu sein. Bisher hat sich kaum jemand für ihr Schicksal interessiert, sie stehen im Schatten der Toten. Hershkovitz sagt: "Ich habe seither jeden Tag an diese 21 Stunden gedacht." Die Überlebenden wurden Piloten, Restaurantbetreiber, Uhrmacher, Softwareentwickler und Professor für Arbeitsingenieurwesen. Manche von ihnen sind zum ersten Mal wieder in München, andere haben die Stadt regelmäßig besucht. "Ich war sicher schon 20-mal wieder im Olympischen Dorf", erzählt Zelig Shtorch (66), damals Sportschütze, Kleinkaliber liegend. Er arbeitet als Reiseführer. Den israelischen Touristengruppen zeigt er auch die Connollystraße 31, in der heute die Max-Planck-Gesellschaft ein Gästehaus hat, und er sagt, dass er damals mit dabei war an diesem Ort.

Etwas anderes aber erzählt Shtorch erst jetzt öffentlich. "Es frisst sich seit 40 Jahren in mich hinein." Nun fällt es dem Mann mit dem kurzen grauen Vollbart schwer, die Worte zu finden. "Ich stand hinter einem Vorhang versteckt, vor mir der Terroristenboss, ich hatte das geladene Gewehr auf ihn gerichtet." Issa hieß der Anführer, der eine schwarze Maske und einen weißen Hut trug. "Er hat mich nicht bemerkt, ich hätte ihn erschießen können", sagt Shtorch. Er hat es nicht getan. Seitdem quält ihn die bohrende Frage: Was wäre geschehen, wenn . . . ? "Ich habe es 1000-mal durchgespielt", meint Shtorch. "Wären weniger getötet worden? Oder mehr?" Es ist sein Verstand, der ihm sagt: "Ich bin froh, dass ich nicht geschossen habe." Bis heute hat ihm niemand auch nur den leisesten Vorwurf gemacht.

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