Hitschmiede Kinderzimmer

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Die Urzeit der Audioaufnahme. Eine Band spielt in einen mechanischen Aufnahmetrichter. Archivfoto

Sie war einst der Ritterschlag für jeden Musiker. Die eigene Platte. Auch deshalb, weil deren Produktion ein Vermögen kostete. Für einen Bruchteil dieser Kosten kann man sich heute ein eigenes Studio einrichten.

"Kinderzimmer Productions". So nannte sich das erfolgreiche Ulmer Hip-Hop-Duo - nicht ohne Hintersinn. Denn die ersten Produktionen hatten Sascha Klammt und Henryk von Holtum tatsächlich in Klammts Kinderzimmer im elterlichen Haus gemacht.

Homerecording heißt das, wenn die Musiker nicht mehr in professionelle Studios gehen, um ihre Ideen adäquat aufzunehmen, sondern das zu Hause tun. Dank leistungsfähiger Computer klingen die Ergebnisse auch immer professioneller - und die dafür nötige Ausrüstung wird immer preiswerter. Die komplette Ausstattung eines einfachen Heimstudios kostet heute weniger als noch vor 30 Jahren ein einziger Aufnahmetag in einem professionellen Studio.

Das Herzstück eines modernen Homestudios ist ein leistungsfähiger Computer. Die Steuerzentrale ist eine so genannte Audiosequenzer-Software. Ein System, das nicht nur die Technik analoger Mehrspurmaschinen digital nachbaut. Diese Software verfügt auch über ein virtuelles Mischpult, das es ermöglicht, nachträglich jede einzelne Spur zu bearbeiten.

In diese Software lassen sich weitere Programme einbinden, die auch schallisolierte Aufnahmeräume überflüssig machen. So gehören Schlagzeugaufnahmen in den meisten Homestudios der Vergangenheit an. Die Industrie bietet gesampelte Klänge, fertige Rhythmen, ja ganze Schlagzeugarrangements nach Genre sortiert als Software an. Andere so genannte Plugins bauen virtuelle Gitarren- und Bassverstärker nach. Und auch die Peripherie - wie etwa Hall oder Kompressoren - wird heute als Plugin eingebunden.

Das gilt auch für Instrumente: Warum einen mehrere zehntausend Euro teuren Flügel kaufen, wenn es dessen Klänge als perfekt aufgenommene Samples für ein paar Euro im Musikladen gibt, oder gar als kostenlosen Download im Internet? Und wers klassisch mag, kann auf Orchester-Plugins zurückgreifen, bei denen man schon sehr genau hinhören muss, um festzustellen, dass da keine echten Musiker zugange sind.

Mit solchen Sample-Bibliotheken arbeiten übrigens auch die Profis - nicht nur im Popbereich. Viele der Orchesterarrangements, die etwa in Filmen zu hören sind, wurden ursprünglich mit Sounds aus dem Computer eingespielt, und erst später durch echte Geigen und Bläser ersetzt. Übrigens nicht nur, weil dieses Verfahren billiger ist, sondern auch weil der Filmkomponist mit solchen digitalen Orchestern flexibler arbeiten kann, Klangeffekte, aber auch Melodieführung punktgenau auf die fertiggeschnittenen Szenen legen kann - auf die Zehntelsekunde genau. Und wenn der Schnitt nochmals geändert wird? Dann kann man ein solches Orchester auch mal etwas schneller oder langsamer spielen lassen - ohne, dass sich wie auf analogen Bandmaschinen die Tonhöhe verändert. So betrachtet ist auch Oscar-Preisträger Hans Zimmer ein Homerecorder - allerdings einer auf allerhöchstem technischen Niveau.

All diese rein digital erzeugten Klänge lassen sich via Midi abrufen, ohne auch nur eine der Audiospuren zu verbrauchen. Die sind weiterhin den analogen Quellen wie Stimme, Gitarre, oder den akustischen Instrumenten vorbehalten.

Eine schöne neue Welt der Musikproduktion tut sich da auf - und das auch noch zu Preisen, die sich fast jeder leisten kann. Bleibt die Frage: Was kommt unterm Strich dabei raus? Das hängt trotz aller technischer Hilfestellung immer noch von den Musikern ab, die ein solches System benutzen. Denn perfekte digitale Klänge ersetzen nicht den musikalischen Einfall. Banale Liedlein klingen dank Digital-Technik zwar besser, bleiben aber banal.

Und genau hier kommt die negative Seite des Homerecordings zum Tragen. Der singende Gitarrist braucht plötzlich keinen Schlagzeuger, keinen Pianisten oder Bassisten mehr. Deren Parts kann er sich digital zusammenbasteln. Nur: Die Herangehensweise eines spezialisierten Musikers an sein Instrument fehlt unserem Alleinkämpfer. Die Folge: Die Arrangements werden seichter, einfallsloser, austauschbarer - Stangenware. Oder noch deutlicher gesagt: Unserem hoffnungsvollen Gesangs- und Gitarrentalent sagt kein Mitmusiker mehr, dass sein Liedlein besser ungesungen bliebe.

Aber auch umgekehrt wird ein Schuh draus. Weil durch das Aufnehmen zu Hause keine teuren Studiotage mehr anfallen, brauchen die Musiker weder Verleger noch Plattenfirmen, die diese teuren Aufnahmen vorfinanzieren. Ergo entfällt auch die Selektion nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Und die wird in Zukunft noch wesentlich rigider ausfallen als in der Vergangenheit. Denn im Plattengeschäft mischen jetzt nach dem Ende der EMI nur noch drei große Konzerne mit: Sony, Universal und Warner, deren Macht dadurch noch zunimmt.

Doch wie gesagt: Plattenfirmen braucht der Musiker von heute nicht mehr, um seine Ideen festzuhalten, er braucht sie nicht einmal mehr zur Belieferung des Endkunden. Dem Internet sei Dank. Denn keiner hindert unseren singenden Gitarristen daran, seine Ergüsse ins weltweite Netz zu stellen. Das tun mittlerweile Zigtausende. Mit dem Ergebnis, dass kaum jemand davon Notiz nimmt - zumindest meistens. Wenn die Internetnutzer aber einmal an etwas Gefallen gefunden haben, dann geht alles sehr schnell. So klickten in den vergangenen drei Monaten 76 Millionen Nutzer (!) das witzige Video der kanadischen Band Walk Off The Earth an, in dem die fünfköpfige Band den Song "Somebody that I Used To Know" des australischen Songwriters Gotye auf einer Gitarre interpretierte.

Und das Internet bietet auch Plattformen an, auf denen Musik digital heruntergeladen werden kann, etwa den Marktführer I-Tunes, der pro Download 99 Cent verlangt, von denen immerhin etwa die Hälfte auch beim Künstler ankommt.

Das Internet hat aber auch ganz andere Vermarktungsmechanismen geschaffen. Dort tummeln sich auch erfolgreiche Homerecorder, die ihre oftmals zahlreiche Fangemeinde schlicht um einen freiwilligen Beitrag bitten - durchaus erfolgreich, wie etwa das kalifornische Duo Pomplamoose dessen Youtube-Kanal mehr 300 000 Fans abonniert haben.

Homerecording kann also als virtuelle Straßenmusik im Netz verstanden werden, bei der sich auch ein singender Gitarrist als Entertainer mit großem Orchester zelebrieren kann - weltweit.

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