Hisbollah verteidigt Christenstadt im Libanon gegen IS-Terroristen

Nach dem Irak und Syrien hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch den Libanon im Visier. An vorderster Front liegt dort die Christenstadt Ras Baalbek. Sie wird erfolgreich verteidigt - von der Schiitenmiliz Hisbollah.

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Hoch über der Stadt hat die Gemeinde Ras Baalbek ein zehn Meter hohes Kreuz aus Stahl aufgestellt. Einsam steht es auf einem Hügel nahe der syrischen Grenze - wie eine Warnung an die Feinde in den Bergen. Gewehrfeuer hallt von dort oben herab. Raif Khoury (Name von der Redaktion geändert) hebt sein Fernglas an die Augen: Nichts zu sehen. Aus dem Tal antwortet mehrmals schwere Artillerie. Dann heult eine Zeitlang nur der Wind.

Raif Khoury zeigt auf einen Hügel namens "Da'isch". Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat ihn vor kurzem für eine Nacht eingenommen. Von dort aus hätten sie Ras Baalbek direkt unter Feuer nehmen können. Tags darauf hat die schiitische Hisbollah-Miliz sie vertrieben. Doch die IS-Kämpfer bleiben in der Nähe: "Nachts sehen wir auf den Bergen ihre Lagerfeuer", sagt Khoury. Der 40-Jährige führt die Christenmiliz der libanesischen Kleinstadt. Sie liegt im Nordosten des Libanon, am Rand der Bekaa-Ebene. Nach Syrien sind es wenige Kilometer.

Tag und Nacht patrouillieren Khoury und seine Männer durch die Straßen der 15 000-Einwohner-Stadt und fahren die umliegenden Hügel ab. Sie sind ständig in Alarmbereitschaft: Immer wieder stoßen die sunnitischen Kämpfer des IS und ihre Verbündeten nachts von den Bergen vor. Alle paar Tage regnet es Mörser-Granaten und Raketen über die Gegend herab.

Der IS hat schon je ein Drittel des Iraks und Syriens erobert. In Libyen ist er ebenfalls auf dem Vormarsch. Jetzt, so befürchten viele, will die Terrormiliz auch im Libanon Fuß fassen. Die libanesische Grenzstadt Arsal - in Sichtweite von Ras Baalbek gelegen - ist bereits fest in ihrer Hand. "Ein Sturm rast auf den Libanon zu", hat Hassan Nasrallah, Chef der mächtigen libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah, gerade in einer Fernsehansprache gewarnt.

Der Ort Ras Baalbek ist die äußerste Bastion des Christentums in diesem Teil des Landes. Hier leben kaum Moslems oder Drusen. Die meisten Bewohner sind Mitglieder der melkitisch griechisch-katholischen Kirche - eine der kleineren von insgesamt acht christlichen Religionsgemeinschaften im Libanon.

Oben auf den Bergen - wo nachts die Geschosse herkommen - sieht man die ersten Häuserreihen des umkämpften Arsal. Ein Ring aus Armee-Stellungen umgibt die Sunniten-Stadt. Im Inneren herrscht eine Koalition aus IS und dem Al-Kaida-Ableger Nusra-Front. Hinein traut sich die Armee nicht mehr.

Arsal ist überfüllt mit tausenden Flüchtlingen sowie versprengten Rebellen aus Syrien, die sich nach und nach dem IS oder Al-Kaida anschließen, wie Augenzeugen berichten. Vergangenes Jahr hatten die sunnitischen Extremisten die Stadt erobert. Jetzt ziehe der IS dort immer mehr Kämpfer zusammen, gab der libanesische Generalstab jüngst bekannt. 3000 Kämpfer sollen dort bereitstehen.

Fragt man, wer sie zurückschlägt, kommt immer die gleiche Antwort: die Hisbollah. Auch Raif Khoury ruft die Schiiten-Miliz, wenn die Terroristen angreifen. Könnte er ohne sie überleben? "Nein", sagt Raif knapp. "Ohne die Hisbollah, wären sie schon lange hier unten." Die libanesische Armee versucht zwar immer wieder, ins Gebiet des IS vorzustoßen. Sie gilt im Libanon als moralisch grundsolide. Allerdings, so heißt es, sei sie schwach, schlecht ausgerüstet, eher Beute als Jäger. Dutzende Soldaten sind bereits in Hinterhalten des IS umgekommen. Jetzt wartet die Armee auf vier Milliarden Dollar, die Saudi-Arabien im April überweisen will. Amerikanische und französische Kampfhubschrauber und Artillerie-Waffen sollen davon gekauft werden.

Mit der Hisbollah sieht es anders aus: Sie ist bestens bewaffnet und schreckt offenbar vor keinem Einsatz zurück. Auf der syrischen Seite der Grenze bewahrt sie Diktator Baschar al-Assad vor dem Sturz - auf Befehl ihres Geldgebers Iran und unter großen Opfern. Bis zu 1000 Mann soll die Hisbollah in Syrien bereits verloren haben. Im Libanon gilt sie als wahre Beschützerin von Schiiten, Christen, Drusen und selbst Sunniten vor den Halsabschneidern des IS.

Auch die Geschütze, die man aus der Ebene feuern hört, sollen der Hisbollah gehören - Geschenke der Regierung der Islamischen Republik Iran, heißt es - dem Großen Bruder. Der schiitische Iran scheint seine Glaubensbrüder im Libanon mit Geschützen und Raketen auszustatten, von denen Libanons Armee nur träumen kann.

Im Libanon stehen Armee und Hisbollah offensichtlich auf gutem Fuß: Per Handschlag begrüßen sich Soldaten und Milizionäre in dem Schiiten-Dorf Labweh, zwei Kilometer südlich von Ras Baalbek. Die schwarzen SUVs ohne Nummernschilder, mit denen die Hisbollah-Chefs durch die Stadt und die Bekaa-Ebene rasen, passieren alle Armee-Checkpoints ohne Kontrolle.

Nicht nur hier sind die Christen froh über die Hilfe der Schiiten-Miliz. Der Journalist und Menschenrechtler Lokman Slim, ein scharfer Kritiker der nahezu unangreifbaren Macht der Hisbollah, glaubt, dass mittlerweile 80 bis 90 Prozent der Christen im Libanon auf Seiten der Hisbollah sind. Christen stellen im Libanon vermutlich rund 45 Prozent der Bevölkerung - genau weiß es keiner, da die letzte Volkszählung Jahrzehnte her ist.

Mit unterdrückter Wut erklärt Slim den Sinneswandel: "Die Hisbollah betreibt seit Jahren eine massive Angst-Propaganda zugunsten Assads und um ihren Syrien-Einsatz zu rechtfertigen, den der Iran ihr befohlen hat." Die Christen würden sich blind ihrem Schutz anvertrauen - aus Angst vor dem IS, aus Angst vor dessen sunnitischen Glaubensbrüdern, die man im Bürgerkrieg 1975 bis 1990 brutal bekämpft hat, aus Angst vor einem weiteren Niedergang der einst mächtigen christlichen Gemeinschaft.

Unübersehbar ist die Achillesferse der schiitisch-christlichen Allianz: die libanesischen Sunniten, rund 27 Prozent der Bevölkerung, fühlen sich zurückgesetzt, des Extremismus verdächtigt und von einer Koalition aus Armee, Hisbollah, Christen und Drusen an den Rand gedrängt. Sunnitische Hetzprediger erringen immer mehr Einfluss. In den Sunniten-Städten Tripolis und Sidon hat es bereits Kämpfe gegeben. Jetzt kontrolliert die Armee die beiden Städte.

Hisbollah: Partei und Miliz

Wandel Im Libanon wird zwischen der Hisbollah als Partei und als Miliz unterschieden. Die USA, Kanada und Israel stufen die gesamte Hisbollah als Terrororganisation ein. Westliche Beobachter sehen ihre Entwicklung verhalten positiv: Die Hisbollah drifte weg von der Idee vom Gottesstaat, weg vom Terrorismus. Achim Vogt, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut, hält die Mitglieder der "Partei Gottes" für Pragmatiker. Letztlich sei ihre Agenda nicht mehr religiös sondern nationalistisch-libanesisch. Sie gehe auf andere Religionsgruppen zu, stelle Abgeordnete und Minister. Der Syrien-Experte Chris Zambelis zitierte jüngst im Magazin "CTC-Sentinel" der Westpoint-Akademie - einer US-Kaderschmiede für Offiziersnachwuchs - Wissenschaftler, die die Hisbollah zu einer Organisation im Wandel erklärten - hin zu einer politischen Partei.

 

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