Hintergrund: Südamerikas Soja-Boom

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Soja in der Region San Pedro in Paraguay.  Foto: 

Dreimal haben sie ihn vertrieben, zusammengeschlagen und ins Gefängnis gesteckt, dreimal kam José-Luis Centurion wieder. Jetzt haust der 29-Jährige in einem Zelt und bestellt zehn Hektar Land in der Kleinbauerngemeinde San Juan im Osten Paraguays. Bohnen, Yuca, Mais und Bananen sind die Lebensgrundlage für seine Familie. Doch es sieht nicht gut aus für ihn. Soja ist in der Provinz Canindeyú auf dem Vormarsch. Und Kleinbauernsiedlungen wie San Juan können ihr nicht standhalten.

Zwischen der Kleinstadt Puente Kyjá und San Juan erstrecken sich die Soja-Monokulturen bis zum Horizont. 40 Grad im Schatten, fast kein Baum, kein Vogel, kein Zirpen der Zikaden, nur eine einförmig grüne Wüste. Ein  unangenehm stechender Geruch reizt die Schleimhäute. Ein Traktor mit einem kranähnlichen Aufsatz versprüht Glyphosat von Monsanto, der US-Firma, die bald vom Chemieriesen Bayer geschluckt wird.

Die Hälfte der 500 Kleinbauern haben San Juan inzwischen verlassen. Sie vermieteten oder verkauften ihr Land an Sojabauern, Widerspenstige wurden gewaltsam vertrieben. Andere erkrankten durch den massiven Pestizideinsatz oder verzweifelten, weil ihre Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Kleinbauern wie Centurión haben im Modell der industriell hochgerüsteten, kapitalintensiven und gentechnisch veränderten Agro-Export-Landwirtschaft keinen Platz. Gensoja ist unter 150 Hektar nicht rentabel.

900 000 Kleinbauern haben nach Schätzungen der vom kirchlichen Hilfswerk Misereor unterstützten Forschungseinrichtung BaseIS im vergangenen Jahrzehnt ihr Land verloren. Die meisten leben heute in den Elendsgürteln rund um die Hauptstadt Asunción. Seit der Umstellung auf Soja wuchs die Wirtschaft des Landes um knapp fünf Prozent jährlich. Die Armut ging dank Sozialprogrammen der Regierung zwar zurück, doch ein Viertel der Bevölkerung ist weiterhin arm. Paraguay ist laut BaseIS eines der Länder mit der höchsten Landkonzentration weltweit. 2,6 Prozent der Großgrundbesitzer kontrollieren 85,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Anbau auf 3,2 Millionen Hektar

Derzeit wird auf 3,2 Millionen Hektar Soja angebaut. Der Boom war eine Idee der Multis. 2003 schaltete der Schweizer Konzern Syngenta eine Anzeige, in der von der „Vereinten Soja-Republik“ die Rede war, einem 46 Millionen Hektar großen Anbaugebiet zwischen Brasilien, Bolivien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Syngenta bewarb damit seine gentechnisch veränderten Samen. Vorreiter war Monsanto, das in den 90er Jahren die glyphosatresistente Soja-Sorte „Roundup Ready“ (RR) entwickelte – als Rohstoff für Biosprit, vor allem aber als Viehfutter. Heute muss Paraguay den Löwenanteil seiner Lebensmittel importieren.

Am örtlichen Gesundheitsposten sind die Statistiken diffus. „Als Pestizidvergiftungen werden nur akute, eindeutige Fälle gemeldet“, sagt Krankenpfleger Carlos Acosta. „Ausschläge, Atemwegsinfektionen oder Nierenerkrankungen, die hier sehr häufig sind und mit Pestiziden in Zusammenhang stehen könnten, haben eine eigene Rubrik.“ Eine der wenigen, die in Paraguay dazu forscht, ist Stela Leite, Kinderärztin am Universitätskrankenhaus von Asunción. Noch ist ihre Studie nicht fertig, in der sie das Blut der Kinder von San Juan auf Tumormarker untersucht hat.  Leite hat aber in den Statistiken beunruhigende Zahlen gefunden: „Paraguay hat mit 19 pro 1000 eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit, verursacht an erster Stelle durch Infektionen und an zweiter durch Missbildungen, was vor einigen Jahren noch an vierter Stelle stand.“

Verkaufsschlager der Pestizide in Paraguay ist Glyphosat, das von der Weltgesundheitsorganisation 2015 als „vermutlich krebserregend“ eingestuft wurde. Ein Jahr später ruderten Experten zurück. Es sei unwahrscheinlich, dass Nahrungsmittel, die Reste von Glyphosat enthielten, Krebs erzeugten oder dass Glyphosat Veränderungen im Erbgut auslöse.  Die Soja-Pioniere in Paraguay treibt längst ein anderes Problem um: Die zunehmende Resistenz des Unkrauts gegen Glyphosat.

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