Helmut Kohl gibt weiter Rätsel auf

Vor bald 30 Jahren wurde Helmut Kohl Bundeskanzler. In seiner Biografie entwirft der Bonner Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz das monumentale Bild eines großen Bewegers und umstrittenen Machtmenschen.

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"Die geistig-moralische Erneuerung": Helmut Kohl wird am 1. Oktober 1982 als Bundeskanzler vereidigt. Foto: dpa

Ernst Jünger, Konrad Adenauer, Axel Springer, Helmut Kohl - der renommierte Politik-Professor Hans-Peter Schwarz (72), in Lörrach geboren und in Freiburg Schüler von Arnold Bergstraesser, gilt als Experte für Biografien bedeutender Deutscher. In dieser Reihe fühlt sich der Alt-Kanzler gewiss gut aufgehoben, zumal Schwarz aus einer Sympathie für Kohl nie einen Hehl gemacht hat. Kein Wunder, dass Bernhard Vogel, der treueste Weggefährte des Pfälzers seit gemeinsamen Studientagen in Heidelberg, das mehr als 1000 Seiten dicke Buch lobt: "Es wird Helmut Kohl gerecht."

Umfassender hat noch kein Autor das Leben und Wirken des heute 82-Jährigen beschrieben. Alle Facetten Kohls werden beleuchtet - die des aufstrebenden "Linkskatholiken" aus Ludwigshafen ebenso wie die des herrischen und rachsüchtigen Machtpolitikers, der Partei und Staat als Pfründe betrachtete. Schwarz konnte aus bisher unveröffentlichten Quellen schöpfen, er befragte außer Kohl auch einige Dutzend seiner wichtigsten Mitstreiter, nahm Einblick in die Tagebücher von Gerhard Stoltenberg, Walter Leisler Kiep und Kurt Biedenkopf.

Über manchen Rivalen Kohls urteilt der Autor wohl ganz im Sinne seines Helden. Da wird über Baden-Württembergs früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth gelästert, kein anderer Spitzenpolitiker habe je so viel Wirbel um sich selbst entfaltet. Wolfgang Schäuble, der im Schatten der CDU-Spendenaffäre mit dem "Schwarzen Riesen" brach, wird ein erstaunlicher Mangel an Urteilsvermögen und brennender Ehrgeiz zugeschrieben. Und vom langjährigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) heißt es süffisant, dieser habe in der Europa-Politik eine Nicht-Rolle gespielt, weil der Kanzler dieses Feld in Gutsherrenmanier allein beackern wollte.

Dass es gegen Ende der Amtszeit Kohls an der Spitze der schwarz-gelben Regierung innerhalb der CDU Bestrebungen gab, einen Wechsel herbeizuführen, ist nicht neu. Belegt wird nun, dass die beiden Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Bernhard Vogel beabsichtigten, Kohl zum Verzicht zu Gunsten seines Kronprinzen Schäuble zu überreden. Zwar habe der potenzielle Nachfolger darauf bestanden, selbst mit Kohl darüber zu reden, aber Vogel beteuert: "Wir haben es trotzdem getan." Ohne Erfolg allerdings.

Entschieden übertreibt Schwarz seine Nachsicht mit dem Spendensünder Kohl. In diese Affäre bringt er nicht bloß kein neues Licht, sondern nennt dessen "Operieren in den Grauzonen der Parteifinanzierung oder jenseits der Grenzen des Gesetzes" doch tatsächlich "unvermeidlich". Rechtsbruch und Verstoß gegen den Amtseid des Bundeskanzlers als Kavaliersdelikte? Das klingt, aus der Feder eines konservativen Hochschullehrers, denn doch höchst erstaunlich.

Immerhin offen lässt Schwarz, ob Kohls Verdienst um die gemeinsame Währung für Europa nicht durch das Zerbrechen der Euro-Zone noch in Misskredit geraten könnte. Vorsorglich merkt er an, dass der Kanzler damals nicht Urheber dieser Idee war, sondern Frankreichs Präsident François Mitterrand. Kohl machte nur mit, weil der Sozialist im Gegenzug bereit war, die militärische Zusammenarbeit in der EU zu verstärken.

Als ungelöstes Rätsel steht für den Biografen die Frage im Raum, wieso Kohl, der sich - nicht anders als sein CSU-Antipode Franz Josef Strauß - mit der Zweistaatlichkeit Deutschlands längst abgefunden hatte, im Wendeherbst 1989 seine defensive Strategie im Verhältnis zur DDR aufgab und zur treibenden Kraft auf dem Weg zur Einheit wurde. Schwarz nennt sein Buch daher vorsichtig eine "Zwischenbilanz", wohl wissend, dass Helmut Kohl manches Geheimnis mit ins Grab nehmen wird.

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