Heiner Geißler: Abschied eines Querdenkers

Heiner Geißler ist tot: Der Philosoph und Jurist vom linken Herz-Jesu-Flügel der Union dachte stets auch über die Grenzen seiner Partei hinaus.

|

Vor ein paar Monaten ist in Bonn ein Buch erschienen über „Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland“. Der Autor nimmt dabei jeweils zwei herausragende Vertreter dieser inzwischen äußerst seltenen Spezies unter die Lupe, die beiden Christdemokraten Kurt Bieden­kopf und Heiner Geißler sowie die beiden Sozialdemokraten Erhard Eppler und Peter Glotz. Wer will, kann noch die Liberalen Ralf Dahrendorf und Karl-Hermann Flach dieser Gilde zurechnen, aber mit diesen sechs Namen schließt sich der Kreis prägender Vordenker in der Bonner Republik fast auch schon.

Es ist mehr als eine kurze Erwähnung wert, dass bis auf den Schwaben Eppler alle anderen Politiker zugleich Generalsekretäre ihrer Parteien waren, was heute vor allem deshalb erstaunlich erscheint, als man mit den amtierenden Nachfolgern Peter Tauber (CDU),  Hubertus Heil (SPD) oder Nicola Beer (FDP) nicht jene Qualitäten verbindet, die den berühmten Vorgängern zu eigen waren: analytischen Verstand, rhetorische Brillanz, scharfes Profil, starkes Selbstbewusstsein. Geißler und Co. waren Kopfarbeiter und Organisatoren, Querdenker und Antreiber in Personalunion, keine reinen Apparatschiks.

Heiner Geißler, der 1977 bei seiner Berufung ins CDU-Hauptquartier am Rhein von jenem strukturellen Modernisierungsschub profitierte, den zuvor der umtriebige Professor Biedenkopf der leicht verstaubten Partei verordnet hatte, war ein Glücksfall für den Vorsitzenden Helmut Kohl. Der provinzielle Pfälzer („Birne“) galt damals in den Augen vieler Bonner Beobachter nicht gerade als Ausbund an intellektuellem Glanz, was Geißler später so beschrieb: „Kohl war nicht klüger als andere Politiker, aber er war allen anderen überlegen im Willen zur Macht.“

Geißler besetzte im Team des „Schwarzen Riesen“ also beherzt die Rolle des geistigen Schrittmachers, der die CDU vom traditionellen Kanzlerwahlverein in eine zeitgemäße Programmpartei zu transformieren gedachte. Der Philosoph und Jurist vom linken Herz-Jesu-Flügel der Union dachte stets auch über die Grenzen seiner Partei hinaus. So erfand er die „Neue Soziale Frage“ und mutete den Konservativen in den eigenen Reihen einiges zu, als er schon 1988 von der „multikulturellen Gesellschaft“ sprach.

Das war jene Phase, in der Geißlers Verhältnis zu seinem Mentor Kohl bereits erkennbar gelitten hatte. Zwar wusste der Kanzler, was er an dem einflussreichen Parteimanager hatte, schließlich zog Geißler, ein Meister der Provokation, mit seinen oft polemischen Attacken auf politische Gegner viele Pfeile auf sich. Die Genossen brachte er mit Parolen wie „Freiheit statt Sozialismus“ so sehr auf die Palme, dass SPD-Chef Willy Brandt den CDU-Abgeordneten 1985 sogar als „schlimmsten Hetzer seit Goebbels“ beschimpfte. Er konterte viel später: „Wenn ich in der Nähe von Goebbels bin, ist der Playboy das Mitteilungsblatt des Vatikans.“

Den schlagendsten Beweis dafür, dass sich Geißler längst von seinem Parteichef emanzipiert hatte, lieferte er im Schatten der CDU-Parteispendenaffäre in Rheinland-Pfalz. Kohl hatte vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Mainz eine Falschaussage gemacht, was sein Generalsekretär in einem TV-Talk flapsig mit einem „Blackout“ des Regierungschefs erklärte. Kohl schäumte und nahm nachhaltig übel. Der „Spiegel“ notierte: „Der Minenhund des Kanzlers war auf seinen Herrn losgegangen.“

Der Zwist zwischen den beiden Alphatieren trieb seinem Höhepunkt entgegen. Auf dem CDU-Parteitag 1989 in Bremen wollte Geißler den nach seinem Urteil erschlafften Kohl durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth ersetzen – der Umsturz schlug fehl. Dass Kohl seinen ehemaligen Getreuen, dem er jetzt „Undank“ vorwarf, kurzerhand schasste, kommentierte Geißler hernach so: „Das war sein gutes Recht, aber wahrscheinlich ein großer Fehler.“

Natürlich ließ Heiner Geißler, der passionierte Bergsteiger und Gleitschirmflieger, das Ketzern gerade auch nach seinem Rausschmiss durch Kohl nicht. Den Langzeit-Vorsitzenden und dessen „Führerkult“ bezeichnete er als „Erzübel“ der CDU, beißende Kritik übte er am Turbokapitalismus und der neoliberalen FDP. Geißler schloss sich den Globalisierungsgegnern von „Attack“ an und verurteilte den Kurs seiner Partei zur „Homo-Ehe“ als „reaktionär“.

Besorgt über die  Zuwächse der AfD „gerade in den sozialen Problemzonen unserer Großstädte“ warnte er: „Die CDU muss aufpassen, dass sich das nicht weiterentwickelt.“ Zugleich war er ein gefragter Schlichter in Tarif­auseinandersetzungen und beim Großkonflikt um das Bahnprojekt „Stuttgart 21“, das der damals bereits 80-Jährige auf den rechten Weg unter die Erde führte.

Mit Helmut Kohl dagegen, der schon  im Juni starb, hat er keinen Frieden mehr geschlossen – oder genauer: Kohl nicht mit ihm. Vergebliche Versuche Norbert Blüms, die beiden Kampfhähne zu versöhnen, hat es gegeben. Geißler war dazu bereit: „Ja“, so antwortete er auf die Frage, ob er unterdessen allen seinen Feinden verziehen habe, „allen. Auch Helmut Kohl.“

„Wenn Jesus heute da wäre, würde er den Kirchen den Vorwurf machen: Ihr passt euch an. Ihr müsst für meine Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit demonstrieren und auf die Straße gehen.“ Das sagte  Heiner Geißler im Juni in einem Gespräch mit dem Magazin „Sonntagsblatt-Thema“ (München). Es war eines seiner letzten Interviews. Der CDU-Politiker, der nun im Alter von 87 Jahren gestorben ist, war ein überzeugter Katholik.

Eigentlich wollte er Priester werden, Geißler wuchs in einer katholisch geprägten und dem Zentrum verbundenen Beamtenfamilie auf. Die christliche Soziallehre galt ihm deshalb auch als maßgebliches Koordinatensystem der Politik.

Geboren wurde Heiner Geißler am 3. März 1930 in Oberndorf am Neckar (Baden-Württemberg). Der Vater dreier Kinder studierte Philosophie sowie Rechtswissenschaften in München und Tübingen. Nach seiner Promotion 1960 an der Universität Tübingen machte er 1961 zweites juristisches Staatsexamen. Er arbeitete zunächst als Richter, dann als Leiter des Büros des Arbeits- und Sozialministers von Baden-Württemberg. 1965 wurde Heiner Geißler zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt.

Von 1967 bis 1977 war er Minister für Soziales, Jugend, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz, von 1982 bis 1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. Danach hatte er das Amt des Generalsekretärs der CDU von 1977 bis 1989 inne.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) würdigte den Verstorbenen als Schlichter beim umstrittenen Bahn-Bauprojekt Stuttgart 21. Geißlers Credo sei gewesen, dass zivilisierter Streit die Gesellschaft zusammenhält. Er habe mit dieser Einstellung „das schier Unmögliche möglich gemacht: die streitenden Parteien in diesem schwierigen Konflikt sachorientiert voranzubringen“, teilte Kretschmann mit. Geißler war 1997 bis 2002 auch Schlichter im Tarifstreit des Bauhauptgewerbes und gemeinsam mit Kurt Biedenkopf 2007 in der Tarifrunde der Deutschen Bahn. dpa/epd

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

K.o.-Tropfen: "Finger in den Mund, und spucken Sie es aus"

Immer wieder werden Menschen mit K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt, anschließend vergewaltigt oder ausgeraubt. Dagegen hilft nur Vorsicht, sagt Achim Andratzek. weiter lesen