Hebron: Eine gespaltene Stadt

Palästinenser stechen mit Messern auf Israelis ein - und werden dabei oft von Soldaten erschossen. Viele der Attentäter stammen aus der Stadt Hebron im Westjordanland. Was treibt sie zu den Taten?

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Hebron könnte eine normale Stadt im südlichen Westjordanland sein: weiße Häuser mit Flachdächern in hügeliger Landschaft, im Zentrum ein Markt mit Gemüseständen. Doch mitten in der Stadt mit 210.000 Palästinensern leben 800 jüdische Siedler. Beide Seiten melden ihre Rechte auf die dortigen Patriarchengräber an, religiöses Heiligtum für Juden und Muslime. Hebron ist ein Mikrokosmos des Nahost-Konflikts - und Schwerpunkt der aktuellen "Messerstecher-Intifada".

Intifada heißt soviel wie Aufstand. Seit Oktober greifen fast täglich Palästinenser Israelis sowohl in Israel als auch im besetzten Westjordanland mit Messern an und werden dabei vom israelischen Militär getötet. Von insgesamt 142 getöteten Palästinensern spricht das Al-Kuds-Center in Ramallah, das der radikalislamischen Hamas nahesteht. Mehr als jeder dritte davon sei aus dem Bezirk Hebron gekommen.

Im Büro des Gouverneurs von Hebron, Kamel Hemeid, hängt ein Foto des früheren Palästinenserpräsidenten und Friedensnobelpreisträgers Jassir Arafat. "Die Situation ist sehr schwierig", sagt Hemeid auf Arabisch. "Im Unterschied zu anderen Orten muss ein Teil der Palästinenser hier durch israelische Checkpoints, wenn er zur Schule oder in die Moschee geht." Die Soldaten sollen die Siedler beschützen. Diese gelten selbst in Israel als radikal.

Im Jahr 2000 habe Israel Straßen in der Innenstadt geschlossen. "Die Leute haben 16 Jahre darauf gewartet, einen Laden zu öffnen und wieder in ihre Häuser zurück zu können", sagt der Mann mit dem kurzen weißen Haar. "Sie sehen keine Chance, dass sich das ändern wird."

Auf Arabisch heißt die Stadt "Al-Chalil" - der Freund oder der Liebhaber. Hemeid spricht von 53 getöteten Palästinensern im Bezirk und 27 in der Stadt. Die Armee habe in den vergangenen Monaten sechs zusätzliche Kontrollposten installiert und sie kontrolliere strenger, sagt der Gouverneur. Mittlerweile dürften weder Kranken- noch Leichenwagen in bestimmte Straßen der Altstadt fahren - alles zum Schutz der Siedler. Das zuständige Büro der Vereinten Nationen spricht ebenfalls von strikteren Kontrollen in der Stadt. Anwohner benötigten in einem Fall nun bis zu 40 Minuten für die Passage. Die israelische Armee bestreitet dagegen, dass sie weitere Checkpoints und eine besondere Kontrollpraxis eingeführt habe.

Zipi Schlissel ist eine rundliche Frau mit einem breiten Lachen. Doch wenn die 50-Jährige - Kopftuch, Rock und Brille - über ihr Leben in Hebron spricht, verschwindet ihre Heiterkeit. Ab und an komme ein "Araber" und versuche jemanden zu erstechen, "und Du weißt nicht wer", sagt sie. "Es ist ein verrücktes normales Leben."

Die elffache Mutter spricht nicht von "Palästinensern". Sie lehnt die Idee eines Palästinenserstaates ab und will statt dessen einen jüdischen Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in einer der jüdischen Siedlungen in der Stadt. Ihr Vater sei 1998 in seinem eigenen Schlafzimmer von einem arabischen Terroristen erstochen worden, sagt sie. Als sie vor zwei, drei Monaten am Schabbat in die Synagoge wollte, erschoss ein Bekannter nur wenige Meter entfernt einen palästinensischen Angreifer auf der Straße. Er habe ein Messer in der Hand gehabt, erzählt sie.

Auch wenn der Frust bei den Palästinensern tief sitzt, glaubt Gouverneur Hemeid nicht an die hohe Zahl von Angriffen - und spricht auch von "inszenierten Attacken". Palästinenser würden schlicht von Soldaten oder Siedlern erschossen. "Manchmal platzieren sie Messer neben ihnen, um eine Tötung zu rechtfertigen." Die Armee hält die Vorwürfe für absurd. Hemeid spricht von Angriffen von Siedlern auf Palästinenser: Sie schmissen Steine gegen Hausfenster, sie griffen Leute an, sie zerstörten Wassertanks auf Hausdächern.

Das halbstaatliche Hebron-Rehabilitationskomitee führt für Dezember 19 Angriffe von Siedlern auf Palästinenser auf. Dschamila Schaladeh atmet schwer und spricht schnell. Die Gesten der 55-jährigen Palästinenserin sind ausladend. "Du fühlst nicht, dass deine Kinder sicher sind", sagt die große, kräftige Frau im schwarzen Wintermantel und mit Kopftuch. Sie hat eine Nummer auf ihrem Ausweis stehen: 228. Die Israelis hätten sie damit als Bewohnerin der zentralen Shuhada Street registriert, erzählt Dschamila Schaladeh in einem Haus am Anfang der Straße - noch vor dem Kontrollposten.

Wer keine Nummer im Ausweis hat, darf die Straße nicht betreten. Rund 20 Meter entfernt steht der israelische Kontrollposten wie ein Bollwerk: eiserne Drehtüren, Lautsprecher, Kameras, Kontrollhäuschen, davor Steinblöcke als Straßenblockade. Will Dschamila Schaladeh auf den Markt um die Ecke, muss sie durch den Kontrollposten - ebenso wie ihre drei Kinder. "Sie nehmen die Kinder in einen Raum, und wir machen uns Sorgen, was sie mit ihnen machen", sagt Dschamila Schaladeh. Manche müssten sich ausziehen. Sie überprüften alle mitgebrachten Sachen. Ein Soldat habe ihre 19-jährige Tochter sogar dazu genötigt, ihm ihre Binden zu zeigen.

15 Minuten Fußweg durch den arabischen Markt entfernt, liegt ein Gebäude wie eine Festung aus gelbem Stein. Die Patriarchengräber sind ein Heiligtum für Juden wie für Muslime. Dort befindet sich der Überlieferung nach unter anderem das Grab von Urvater Abraham, das Bindeglied zwischen Judentum, Christentum und Islam. Die Patriarchengräber sind heute in eine Synagoge und eine Moschee geteilt - mit zwei getrennten Zugängen.

"Dieser Ort ist die Wurzel unserer Identität", sagt Siedlersprecher Jischai Fleischer. "Dieses Gebäude wurde gebaut als ein Monument für die Helden der Bibel." Jahrhundertelang waren die Patriarchengräber eine Synagoge, später wurde daraus eine Kathedrale, danach eine Moschee. "Traurigerweise haben nun alle jungen Araber oder alle Araber, die vorher unsere Nachbarn waren, eine Dschihad-Mentalität", sagt der 39-Jährige.

Der Vater von drei Kindern macht vor allem die radikalislamische Hamas aus dem Gaza-Streifen für die Situation verantwortlich: "Die Palästinensischen Behörden erlauben hier eine unkontrollierte Propaganda der Hamas", sagt Fleischer. "Die Leute haben eine Gehirnwäsche bekommen."

Einige palästinensische Familien haben die Stadt in den vergangenen Monaten bereits verlassen - aus Angst. Dschamila Schaladeh will dagegen bleiben. "Jedes Mal, wenn sie mich angreifen, werde ich stärker." Zipi Schlissel denkt ebenfalls nicht daran, Hebron zu verlassen. Andernorts sei es auch nicht sicher, sagt die Siedlerin. Nachbarn seien in einem Restaurant in Jerusalem getötet worden. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in die Luft gesprengt.

Hebron

Teilung Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts lebten Muslime und Juden in Hebron. Bei einem Massaker 1929 töteten Araber 67 Juden. Danach brachten die Briten als Mandatsmacht jüdische Bürger aus der Stadt. Nach der Eroberung der Stadt durch israelische Truppen 1967 kehrten religiöse Juden zurück. Seit 1998 ist Hebron zweigeteilt. Einen Teil kontrolliert die palästinensische Autonomiebehörde, einen Israel.

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