Hauptsache Kinder

Frankreich hat die höchste Geburtenrate Europas dank einer engagierten Familienpolitik - Frauen müssen sich nicht zwischen Karriere und Kind entscheiden. 88 Milliarden Euro im Jahr kostet es den Staat.

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Frankreichs Familienpolitik setzt auf Vereinbarkeit von Kindern und Karriere. Kostenlose Ganztagsschulen mit Vorschule ab drei Jahren sind nur ein Beispiel. Foto: afp

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy versäumt keine Gelegenheit, seinen Landsleuten das Modell Deutschland als Vorbild zu preisen. Doch zumindest in einem Punkt käme er niemals auf den Gedanken, dem Nachbarn am Rhein nacheifern zu wollen. Gemeint ist die vorbildliche Familienpolitik, welche Frankreich neben Irland die höchste Geburtenrate aller EU-Staaten beschert. Hauptsache Kinder - das ist in der Grande Nation seit Jahrzehnten ein Leitfaden linker wie konservativer Regierungskabinette.

"Ich habe wirklich gedacht, dass wir keinen Platz mehr für unsere Kleine finden", seufzt Nathalie. Sieben Wochen "Dauerstress" liegen hinter der 29-jährigen Buchhalterin. Beinahe verzweifelt hat die junge Frau nach der Geburt ihrer Tochter Emmanuelle eine Betreuungsmöglichkeit gesucht. In den städtischen Kinderkrippen von Paris, wo die Wartezeiten zwei Jahre erreichen können, war sie zu spät vorstellig geworden. Auf den letzten Drücker konnte sie Emanuelle schließlich in einer privaten Krippe unterbringen.

Es stimmt: In französischen Großstädten herrscht ein krasser Mangel an Betreuungsplätzen für Kleinstkinder. Dennoch ist das französische Modell im europäischen Vergleich bei weitem das frauen- und familienfreundlichste. Dafür sorgen nicht nur die kostenlosen Ganztagsschulen, die dem Kindergarten ähnliche Vorschule für Kinder ab drei Jahren einschließen, sondern auch steuerliche Anreize und das großzügige Kindergeld. Eine durchaus von Erfolg gekrönte Politik. Waren 1970 nur 60 Prozent der Französinnen zwischen 25 und 45 Jahren berufstätig, sind es heute 82 Prozent.

Dass Frankreich mit einer Geburtenrate von 2,01 Kindern pro Frau (Deutschland bei 1,3) auf Platz eins in Europa liegt, ist kein Zufall. Paris lässt sich seine konsequent auf die berufstätige Frau zugeschnittene Familienpolitik 88 Milliarden Euro im Jahr kosten. Ein Etat, den die Regierung regelmäßig aufstockt, um neue Krippenplätze zu schaffen und die Geburtenprämie sowie das Erziehungsgeld erhöhen zu können.

Zurzeit beläuft sich die Prämie auf 912 Euro, die zwei Monate vor der Geburt ausbezahlt wird. Zudem erhalten Mütter oder Väter, die schon ihr erstes Kind selber betreuen wollen und dafür ihre Arbeit aufgeben, seit 2005 drei Jahre lang monatlich 550 Euro Erziehungsgeld. Eine Summe, die zu den 180 Euro Kindergeld pro Monat hinzukommt. Wobei diese Maßnahmen keineswegs junge Mütter an den heimischen Herd binden soll. Es ist lediglich eine Hilfe, um dem Mangel an Krippenplätzen zu begegnen.

Ganz fraglos haben es Französinnen leichter, Familie und Job unter einen Hut zu bringen als etwa deutsche Frauen. Dazu trägt auch der Blick der Gesellschaft bei. Kinderbetreuung - und zwar ab dem Säuglingsalter - außer Haus hat in Frankreich Tradition. Zudem wird auch das Aufziehen von Kindern vom Staat konsequent unterstützt. Diese Förderung beginnt bereits mit der Säuglingsbeihilfe, die unabhängig vom Einkommen ab dem dritten Schwangerschaftsmonat und bis drei Monate nach der Geburt gezahlt wird. Kindergeld erhalten Familien ebenfalls unabhängig von ihrem Einkommen ab der Geburt des zweiten Kindes. Es steigt bei folgenden Kindern und mit zunehmendem Alter. Weitere Leistungen sind bei Berufstätigkeit beider Eltern Steuererleichterungen für Tagesmütter oder Betreuung daheim.

Insgesamt belaufen sich die Familienleistungen auf 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Deutschland 1,4 Prozent). Nicht von ungefähr ist das ebenso europäische Spitze wie der selbst von der Krise ungebrochene Babyboom Frankreichs.

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