NRW-Landtagswahl: Hannelore Kraft im Abwehrmodus

Kurz vor der NRW-Landtagswahl hat die Ministerpräsidentin zu alter Stärke zurückgefunden.  Doch der verpuffte „Schulz-Hype“ macht ihr zu schaffen.

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Man nennt sie nicht ohne Grund „Königin der Marktplätze“: Im Wahlkampf blüht Hannelore Kraft auf.  Foto: 

Doch, doch, an Hannelore Kraft ist eine TV-Moderatorin verloren gegangen. In der Alten Papierfabrik, einer multifunktionalen Begegnungsstätte in Wuppertal, verwickelt die SPD-Spitzenkandidatin die drei örtlichen Landtagsabgeordneten in einen Disput mit ihrer Chefin, als würden sie von einem neutralen Talkmaster befragt. „Jetzt werd‘ mal konkret“, verlangt die Ministerpräsidentin von einem ihrer Düsseldorfer Fraktionskollegen, und einmal sagt sie in schönstem Ruhrpottdialekt: „Hömma, dat hört sich so an, wie Politiker immer reden.“

Hannelore Kraft ist im „Wahlkampftunnel“. Ihre Kampagne, die seit Ostern läuft, besteht aus weit über 100 Veranstaltungen: Betriebsbesichtigungen, Kaffeetafeln, Besuchen in Kitas und Flüchtlingsunterkünften. Senioren in den Arm nehmen und Kinder auf den Schoß – da ist die „Kümmerin vom Dienst“ in ihrem Element. Sie sucht die Nähe zu den Menschen und ist erleichtert, wenn sie über die Alltagssorgen einer Supermarktkassiererin oder die Probleme eines Asylbewerbers sprechen kann und nicht über die große Politik. Das tun andere schon.

„Kümmerlich“ nennt der „Spiegel“ Krafts Leistungsbilanz nach sieben Jahren an der Spitze des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Der „Focus“ ­lästert über „die Blenderin“, die trotz „tiefroter Zahlen“ weiter „Wohltaten“ verspreche. „Die Welt“ schließlich vermerkt, dass sie „nur schwer punkten“ könne und sich deshalb „den Frust von der Seele poltert“. Wahr ist, dass die ­Titelverteidigerin in die Defensive gerät, wenn sie mit den Schattenseiten ihrer Amtszeit konfrontiert wird, aber es stimmt ebenso, dass sie wacker dagegen hält und versucht, mit eigenen Fakten über die Lage des Landes das Bild vom „Schuldendorado“ und „Wachstumsschlusslicht“ zu widerlegen.

„Die Opposition redet NRW schlecht“, schimpft Kraft dann, und sie meint in erster Linie ihren CDU-Herausforderer Armin Laschet, dessen Name partout nicht über ihre Lippen kommen will. Wenn der frühere Integrationsminister etwa ­darauf hinweist, dass unter allen Flächenstaaten nur das Saarland und Schleswig-Holstein eine höhere Pro-Kopf-Verschuldung als Nordrhein-Westfalen haben, kontert Kraft, im Etat von 2016 habe es am Ende sogar ein leichtes Plus gegeben. Zieht Laschet gegen die labile Sicherheit in NRW zu Felde, antwortet die Ministerpräsidentin: „Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent zurückgegangen.“

Zäh hält Kraft am umstrittenen Innenminister Ralf Jäger fest, der die Kölner Silvesternacht und den Fall Amri nur dank der schützenden Hand seiner Kabinettsvorsteherin überstanden hat. Richtig fuchtig kann sie werden, wenn die Union behauptet, in einigen Städten des Ruhrgebiets seien inzwischen „No-go-Areas“ entstanden, in Duisburg-Marx­loh etwa, einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil. „Es gibt“, stellt die ­Landesmutter kategorisch fest, „keine No-go-Areas in NRW. Denn das würde bedeuten, es gäbe Orte, in die kein Polizist mehr reingeht.“ 

Hannelore Kraft spricht stattdessen von „verrufenen Orten“ und weist den Medien die Mitschuld am schlechten Image solcher Viertel zu. In Marxloh zum Beispiel haben sich während einer Ortsbesichtigung viele türkische Ladeninhaber bei der prominenten Besucherin darüber beschwert, dass sie stigmatisiert werden, obwohl sie für die Probleme nichts könnten, die dort durch kriminelle Clans aus Osteuropa entstehen.

Die Rituale Berlins sind ihr ein Graus

Ein anderes Schlachtfeld ist für Hannelore Kraft, die gelernte Diplomkauffrau und spätberufene Quereinsteigerin, der Berliner Politikbetrieb, zu dem sie ein ähnlich gespanntes Verhältnis hat wie früher Kurt Beck oder heute Winfried Kretschmann. Der vormalige Parteichef aus der Pfalz scheiterte an den Animositäten unter den Führungsfiguren der Bundes-SPD und den medialen Fallstricken in der Hauptstadt, denen sich Provinzfürsten immer wieder ausgesetzt sehen. Auch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten überkommen stets üble Gefühle in der Magengrube, sobald er in Stuttgart das Flugzeug an die Spree besteigt – eine psychosomatische Reaktion auf unliebsame Begegnungen mit „Parteifreunden“ und anderen Intriganten auf der Berliner Staatsbühne.

Hannelore Kraft, die früher Handball gespielt hat und deren Herz seit Jahren für Borussia Mönchengladbach schlägt, hasst die Rituale und Reflexe, die zum Machtkampf auf Bundesebene gehören, nicht weniger als Kretschmann – endlose und abgehobene Debatten in Par­teigremien, die Profilneurosen von Karrieristen, das gespreizte Ego mancher Medienmenschen. Sie reagiert dann empfindlich auf Fragen, kann pampig werden zu Journalisten und tut so, als ginge sie „der ganze Scheiß“ nichts an, der sich rund um Berliner Ränkespiele oder die beliebte Frage „Wer wird was?“ dreht.  Schließlich hat sie selbst schon 2013 ­ihren Sozis in NRW klipp und klar gesagt, dass sie „nie, nie als Kanzlerkandidatin antreten“ werde.

Wort gehalten hat Hannelore Kraft durchaus, aber ob dieser frühe Verzicht auf bundespolitische Ambitionen ihr zum Vorteil gereicht, wird doch stark bezweifelt. Bodo Hombach zum Beispiel, der legendäre Strippenzieher von Johannes Rau und Gerhard Schröder, hält die Berlin-Abstinenz der Düsseldorfer Ministerpräsidentin für einen strategischen Fehler, weil sie ihr Gewicht innerhalb der SPD-Führung und im Kreis der 16 Länderchefs reduziere. Doch Hannelore Kraft hat für den einstigen Wahlkampf-Guru nur Spott übrig. Sie hält ihn für einen „alten Mann“, der nicht verwinden könne, dass er als einflussreicher Ratgeber längst ausgedient habe.

Ein anderer Ex-Genosse aus NRW kommt bei ihr dagegen ausdrücklich besser weg – Wolfgang Clement, der kantige Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten, der Hannelore Kraft einst für die Politik entdeckt und gefördert hat. Längst hat der ehemalige Bundeswirtschaftsminister mit seiner Partei gebrochen und gelegentlich für die FDP Wahlkampf gemacht. Doch jetzt hält sich Clement erkennbar zurück, und die Nachfolgerin weiß durchaus zu schätzen, dass „der Wolfgang“ nicht offen gegen seine frühere Elevin zu Felde zieht. Wenigstens das bleibt ihr erspart. Der verpuffte „Schulz-Hype“, die Grünen als gefährlich schwächelnder Juniorpartner und der aufholende Laschet reichen ja schon.

Wahlkampf ist ihr Element

Gerade auf den letzten Metern vor dem Ziel hat Hannelore Kraft zu alter „TatKraft“ gefunden, wie sie ihre regelmäßigen Einsätze als Praktikantin in ungewohnten Berufsfeldern tituliert. Noch Ende letzten Jahres wirkte sie ausgelaugt, amtsmüde und unsortiert, selbst Weggefährten wurden angesichts des näher rückenden Wahltermins allmählich unruhig. Hannelore Kraft ging nach dem Tod ihrer Mutter und dem Verlust des geliebten Familienhundes buchstäblich durch ein Tal der Tränen. Nun aber ist ihr Kampfgeist erwacht, sie will nach Jürgen Rüttgers (2010) und Norbert Röttgen (2012) mit Armin Laschet, den die SPD-Propaganda als entscheidungsschwachen „Wackeldackel“ verulkt, ­ihren dritten CDU-Gegner schlagen: „Der oder ich“, so lautet ihre  Kampfansage.

Nach den beiden SPD-Schlappen im Saarland und in Schleswig-Holstein hängt jetzt noch mehr von Hannelore Krafts „Endspiel“ ab – nicht nur ihr eigenes Schicksal, sondern auch das von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Rastlos und angespannt tourt sie dem Wahlsonntag entgegen. Ihr schwarzer Sonderbus mit dem überlebensgroßen Abbild der Spitzenkandidatin auf  der glitzernden Außenhaut kommt übrigens aus Würselen, der Heimatstadt des Partei-Bosses. Angeblich reiner Zufall.

Nach dem Dauereinsatz für die nordrhein-westfälische Frontfrau kutschiert der PS-Kraftprotz im vollen Kampagnen-Look demnächst wieder Touristen durch halb Europa, an den Gardasee zum Beispiel. Für eine Umlackierung bleibt keine Zeit. Dass die Genossin nach dem 14. Mai selbst in Urlaub gehen kann, weil sie als Regierungschefin in Düsseldorf ausgedient hat, ist neuerdings nicht mehr völlig auszuschließen.


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Kommentare

10.05.2017 13:57 Uhr

NRW ist schön, Frau Merkel und Herr Laschet!

Wer ein Land schlecht redet, wie Merkel und Mutti-Söhnchen Laschet derzeit NRW, wird keine Wahl gewinnen. Die Wähler werden das durchschauen, wie demnächst die Wahlen in NRW zeigen werden. Z.B. dass die vorhergehende CDU-geführte Landesregierung massiven Stellenabbau betrieben hat (unter dem neoliberalen Motto "schlanker Staat"), den die Heuchler und Falschmünzer von der CDU jetzt der SPD-geführten Regierung vorwerfen, die tatsächlich seit 7 Jahren z.B. die von der CDU abgebauten Polizeistellen wieder aufbaut.
Merkel und Laschet reden NRW schlecht! Das ist nicht nur mieser Politikstil, sondern auch nicht sehr originell, behauptet Merkel doch, auch Schulz würde Deutschland schlecht reden. Irgendwie dreht sie sich abgewirtschaftet im Kreis - kein Wunder: nach 12 Jahren Kanzlerschaft. 12 Jahre sind genug! Lasst sie und Laschet weiter kreisen, aber bitte auf einer anderen Umlaufbahn!
Schulz ist frischer, unverbrauchter, gerechter - einfach besser für das Land!
Und im übrigen: nach der Wahl ist vor der Wahl:
http://youtu.be/0zSclA_zqK4
Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören!
PS: Glaubt keinen Wahlversprechen von Merkel. Es könnte eine Mau(s)t oder eine Obergrenze für gebrochene Wahlversprechen herauskommen!

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