Handy, Tablet und PC: Die unheimliche Macht der Algorithmen

Ob per Handy, Tablet oder Computer: Freiwillig geben wir ununterbrochen Informationen über uns preis, die andere sammeln. Warum nur diese Selbstentblößung?

|
Vorherige Inhalte
  • Mit jedem Smartphone, Tablet und Computer gibt man Informationen weiter. 1/2
    Mit jedem Smartphone, Tablet und Computer gibt man Informationen weiter. Foto: 
  • Christoph Faisst ist Jurist, arbeitet als Redakteur im Ressort Politik und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Datenschutz. Seine Kontakte pflegt er bevorzugt offline. 2/2
    Christoph Faisst ist Jurist, arbeitet als Redakteur im Ressort Politik und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Datenschutz. Seine Kontakte pflegt er bevorzugt offline. Foto: 
Nächste Inhalte

Das Jahr 1971: Willi Birkelbach betritt die Bühne. Der SPD-Mann geht einer befremdlichen Aufgabe nach. Er ist der erste Datenschutzbeauftragte der Bundesrepublik, genauer: des Landes Hessen. Was dieser Beauftragte schützen soll, ist den meisten immer noch rätselhaft, als 1978 auf Bundesebene der ebenso in Vergessenheit geratene Hans Peter Bull ins Amt kommt. Soeben haben im Büro der IBM PC und der Apple II das Licht der Welt erblickt, das Bewusstsein für die Gefahren öffentlicher Datenerhebung ist allenfalls unter Linken vorhanden, denen die 1979 im Kampf gegen die RAF entwickelte Rasterfahndung unheimlich ist: Weil die Terroristen den Strom für ihre konspirativen Wohnungen bar bezahlen, nimmt die Polizei alle in den Blick, die ihre Rechnung nicht vom Konto überweisen. Die meisten der Überwachten sind harmlos, woran sich bis heute nichts geändert hat.

Seither wächst die Zahl der Sicherheitsgesetze immer schneller, parallel steigt die Menge der über uns gespeicherten Daten, eine brisante Kombination, an der sich allenfalls Aktivisten stören. Die tragen Anfang der 80er Jahre oliv­grüne Parkas und gehen – wenn nicht gegen Pershing-Raketen – wegen der herannahenden Volkszählung auf die Straße. 1983: Nach monatelangen Protesten unter dem Motto „Lass’ Dich nicht erfassen“ entscheidet das Bundesverfassungsgericht: Die Volkszählung findet nicht statt. Es gibt etwas, von dem die breite Öffentlichkeit bis dahin nichts weiß: das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Jeder darf selbst entscheiden, wer was über ihn weiß. Das Urteil ist die Geburtsstunde des modernen Datenschutzes.

Alles im Namen des Lifestyles

Es mag Zufall sein, doch der Zeitpunkt passt. Ein Jahr noch bis 1984. Nicht irgendeine Zahl, sondern der Titel des 1948 vollendeten dystopischen Romans von George Orwell. Seine düsteren Visionen eines Überwachungsstaates begleiten nach wie vor alle, für die Privatsphäre kein Verbrechen ist. Doch wir sind heute näher an Orwells Phantasien, als dieser sich wohl träumen ließ. Schuld daran sind wir selbst. Anders als der Große Bruder des Romans überwacht uns keine zentrale Instanz. Niemand nötigt uns. Niemand liest unsere Gedanken. Im Gegenteil. Wir entblößen uns im Namen von Lifestyle und dem, was der Soziologe Niklas Luhman einst als größte Zumutung der Gesellschaft gegenüber dem Individuum bezeichnet hat: der Aufforderung, dabeizusein.

Geschätzte drei Milliarden mobile Endgeräte senden weltweit Aufenthaltsorte, Kontakte, Vorlieben und Neigungen an Server, von denen wir nicht wissen, wer sie betreibt und wer sie wofür auswertet. Unzählige Unternehmen rund um den Erdball beschäftigen sich mit der Analyse dieses Datenschatzes. Sie beliefern in einem Milliardenmarkt Banken, Versicherungen, die Werbewirtschaft und zumindest indirekt staatliche Dien­ste, die Nutzerprofile kaufen können wie jeder Gewerbetreibende. Wissen ist Macht. Nicht ohne Grund nennt sich eine der wichtigsten und geheimnisvollsten Firmen dieser Art „Palantir Technologies“, angelehnt an die „Sehenden Steine“ aus J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“.

Anstatt die Datenhamsterei zu unterbinden, plädiert die Bundesregierung für die Abkehr vom bisherigen Grundsatz der Datensparsamkeit hin zu einem „kreativen Datenreichtum“, der selbstredend sicher sein soll, doch diese Sicherheit ist eine Illusion. Verschlüsselung, die vor zehn Jahren funktioniert hat, ist heute geknackt, Methoden, die heute sicher sind, werden es in fünf Jahren nicht mehr sein. Unternehmen, die versprechen, Informationen nicht weiterzugeben, werden verkauft, die neuen Herren haben neue Regeln. Der Übergang von WhatsApp zu Facebook, das entgegen aller anfänglichen Zusicherungen Zugriff auf die Daten der WhatsApp-Kunden erhielt, ist nur ein Beispiel.

Die kreativen Potenziale, die das Internet in seinen Anfängen barg, sind längst einer hemmungslosen Verwertungslogik geopfert. Wer aufbegehrt, riskiert sein soziales Netz oder findet keine Alltagsgeräte, ohne die er nur umständlich am Leben teilnehmen kann. Wer einen Rechner verlangt, auf dem sich alternative, freie Software installieren lässt, damit die Maschine nicht ungebeten mit ihrem Hersteller telefoniert, wird schräg angeschaut: Das ist Einstellungssache. Was der Verkäufer nicht zu fragen wagt: Haben Sie etwas zu verbergen? Vor 20 Jahren wäre ein Kunde, der Stangenware verschmäht, ein interessanter Nerd gewesen. Heute ist er bestenfalls ein Kauz – schlimmstenfalls führt er Zweifelhaftes im Schilde. Leichter lebt, wer prahlen kann: Ich finde es toll, wenn meine Bilder überall im Netz sind.

Menschen ändern sich. Doch das Netz vergisst nicht. Nicht, wen wir kennen, wohin wir fahren, was wir lesen, suchen oder online bestellen. Niemals. Jeder, der über die technischen Mittel und die politische Macht verfügt, kann darauf zugreifen. Datenhalden wecken Begehrlichkeiten, Parlamente nicken die passenden Gesetz ab, getrieben durch die Angst vor dem Terror. Selbst in einem demokratischen Staat wie den USA besteht die Gefahr, dass der Datenschatz, den Unternehmen und staatliche Stellen horten, in die falschen Hände gerät.

Das Silicon Valley diktiert unser Leben

Jaron Lanier, Internetpionier der ersten Stunde, warnt seit Jahren vor einer Entwicklung, die er kybernetischen Totalitarismus nennt. IT-Systeme, von Menschen gemacht, treten uns als Technosphäre, als naturähnliche Umgebung, gegenüber. Wir können nicht suchen, chatten oder shoppen, ohne uns nach den Standards zu richten, die die Köpfe des Silicon Valley diktieren und auf dem Umweg der Hard- und Software letztlich unser Offline-Leben programmieren. Doch diese Köpfe haben keinen politischen Kompass, was zählt, ist Machbarkeit und bei manchen sogar die Erwartung, das Netz werde eines Tages intelligent und lebendig.

„Wenn Sie nicht wollen, dass jemand erfährt, was Sie tun, dann tun Sie es nicht“, sagte einst Ex-Google-Chef Eric Schmidt. Das war vermutlich eher als Scherz denn als Drohung gedacht, aber es ist nahe an Orwells Televisor, der nicht nur in die Wohnzimmer spähen, sondern den Menschen auch Anweisungen geben konnte. Doch das ist gar nicht mehr nötig. Wir knechten uns selbst, als seien wir im Blick der „Sehenden Steine“. Die Allgegenwart von Google, Microsoft, ­Apple, Facebook und Co. fördert Unterwerfung – nicht unter einen Diktator, sondern unter die diskrete Macht der Algorithmen, mathematische Modelle, die in der Datenflut Muster erkennen. Wie exakt ­diese sind, ist umstritten, doch unbestritten ist, dass sie besser werden. Sie sollen aufgrund bisherigen Verhaltens vorhersagen, was ein Mensch als nächstes tut: ob er Socken kauft oder ein Verbrechen begeht, ob es sich lohnt, ihm genau jetzt sein Traumauto anzubieten, oder ob er nicht beachtenswert ist, weil er derzeit gezwungen ist, seinen Konsum einzuschränken.

In einer Zeit, die durch Reizüberflutung geprägt ist, werden solche Vorschläge oft als Service empfunden. Doch sie sind eine Bevormundung und sie schrecken ab. Nicht in die Suchmaschine tippen, was einen in ein schlechtes Licht rücken könnte, perfekt dastehen wollen in der Timeline, weil ein künftiger Arbeitgeber hineinschauen könnte, nicht die falschen Leute kennen und vor allem: nichts verbergen. Wer unter den digitalen Horizont geht, hat keinen Score und keine Freunde – das ist schlechter als das schlechteste Ranking.

Doch die Welt der Algorithmen ist trügerisch. Dass sich die Interessen zweier Menschen in einem oder mehreren Punkten überschneiden, macht sie im Hinblick auf den Rest ihres Lebens nicht gleich. Wohl jeder, der die Andere-Nutzer-kauften-auch-Vorschläge kennt, hat sich mehr als einmal gefragt: Was habe ich damit zu tun? Bis der erste zweifelt, ob ihn die Algorithmen nicht besser kennen als er sich selbst, ist es nicht weit.

Wir tun uns das freiwillig an. Nicht, weil wir dem Netz oder den Konzernen, die es zu ihren Gunsten kolonisiert haben, vertrauen, sondern weil wir uns nicht trauen, hinzusehen. Ein Under­ground-Blog ätzt, Menschen stünden stundenlang an, um hunderte Euro für das neueste Abhörgerät zu bezahlen. Das ist zugespitzt formuliert, trifft die Sache aber. Der Kampf gegen die staatliche Vorratsdatenspeicherung ist bald nur noch ein Nebenschauplatz.

Von der Speicherung der Telekommunikationsdaten bis zur Online-Durchsuchung von Endgeräten – die Ansage des Bundesverfassungsgerichtes ist in allen Urteilen eindeutig: Ein diffuses Gefühl des Überwachtwerdens darf es nicht geben. Gibt es aber längst. Orwells Held Winston hat gelernt, dieses Gefühl zu lieben und sieht seinen Sieg darin, sich selbst überwunden zu haben. Das ist das Ende der aufgeklärten Selbstbestimmung und der Sieg jenes Totalitarismus, vor dem Lanier warnt. Noch einmal zu ­Willi Birkelbach. Vor seiner Berufung zum Datenschutzbeauftragten war er Chef der hessischen Staatskanzlei. Seine Büroleiterin war die später als DDR-Spionin enttarnte Christel Guillaume. Heute ist ­jeder der Spion seiner selbst.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen