Gut aufgestellte Betriebe hoffen auf das Ende der Billigkonkurrenz

Keinesfalls klagen Firmenchefs in Ostdeutschlands nur über den Mindestlohn. Vieles hängt davon ab, wie die Kunden auf Preiserhöhungen reagieren.

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Bereits 2011 hatte Frank Schuster, Geschäftsführer der auf Bau und Natursteinrestaurierung spezialisierten Paul Schuster GmbH in Magdeburg, einen branchenweiten Mindestlohn für das Steinmetz- und Steinbildhauer-Handwerk gefordert. Schuster, der auch Landesinnungsmeister sowie Vize-Bundesinnungsmeister für dieses Gewerk ist, unterbrach zeitweilig sogar die laufende Tarifrunde mit der IG Bau, um einen Mindestlohn für die gesamte Branche zu erzwingen - also auch für jene Betriebe, die nicht einer Innung angehören. Denn andernfalls unterliefen diese schnell jene Lohngrenzen, die der Tarifvertrag vorgibt, und verschafften sich unlautere Vorteile gegenüber tariftreuen Mitbewerbern. Zudem werde es mit Dumpinglöhnen immer schwerer, guten Berufsnachwuchs zu finden, sagt Schuster.

Zugleich sprach sich der Bauingenieur aber stets gegen einen "politisch verordneten Mindestlohn" aus - und es gelang ihm, diesem zuvorzukommen. Bereits seit Mai gilt für alle Steinmetzbetriebe und Bildhauereien nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen ein verbindlicher Stundenlohn von 10,66 Euro. Zwar liegt dieser noch 59 Cent unter jenem Satz, den die Natursteinunternehmer ihren Gesellen etwa in Baden-Württemberg zahlen. Doch da dieser von den Tarifpartnern ausgehandelte Mindestlohn nun Bestandteil der Kalkulation sei, entschärfe er bisherige Wettbewerbsverzerrungen, sagt Schuster.

Auch das ostdeutsche Bäckerhandwerk gewinnt den 8,50 Euro in erster Linie Gutes ab. "Es wurde höchste Zeit, dass wir Bäcker mehr verdienen", sagt etwa Clemens Bresan, Geschäftsführer von Bresan Backwaren im sächsischen Königswartha. In seinen zwölf Filialen hat er bereits 2014 die Preise leicht erhöht, "um die Kunden langsam daran zu gewöhnen". Nun müsse man abwarten, wie die Sache im Januar anlaufe - und dann womöglich "noch einmal neu kalkulieren".

Gleichzeitig hat Bresan Angst, dass die Kunden häufiger zum Backautomaten im Discounter wechseln. Doch auch manche jener Billigfilialen in Supermärkten oder Tankstellen bleiben dann wohl auf der Strecke. Balduin K., der in einer solchen bei Bautzen bisher nur "4,60 bis 5,20 Euro" verdient hat, nimmt notfalls sogar den Konkurs seines Arbeitgebers in Kauf. Es müsse endlich aufhören, sagt er, "dass über Dumpinglöhne unfähige ,Unternehmer' subventioniert werden".

Beifall zum Mindestlohn kommt auch von Sybille Hain, die in Erfurt den Friseursalon "Kopf Cult" führt. Nun sei Schluss mit jenen schwarzen Branchenschafen, die ihre Mitarbeiterinnen für nur 3,80 Euro die Stunde ausbeuteten, schimpft sie. Manche hätten sogar die Preise erhöht und das mit höheren Löhnen begründet, ohne ihr Personal nur annähernd auskömmlich zu bezahlen. So hofft die Friseurmeisterin, die sich in der Innung engagiert, auch auf "regelmäßige Überprüfungen" des Mindestlohns. Jene 8,50 Euro hält sie "für einen gut aufgestellten Handwerksbetrieb" für realistisch. Schon jetzt erhielten gute Friseurinnen bei ihr um die 10 Euro. Sie rechnet mit Preissteigerungen um 10 Prozent, was die "große Mehrheit der Kunden" akzeptiere.

Eine erste Kündigungswelle ereilt dagegen das Taxigewerbe. Die Taxigenossenschaft in Halle/Saale, die in ihren 90 Mitgliedsbetrieben 400 Chauffeure beschäftigt, will laut Firmensprecher Mario Franz rund 130 Mitarbeitern kündigen. Noch gibt man sich zögerlich, wartet die Effekte der Preiserhöhung von rund 25 Prozent ab. Sollte das viele "Fahrgäste verschrecken", wäre das wohl das Aus für einzelne Fahrbetriebe. Taxiunternehmer Wilfried Bandel (63) hat seinen vier Angestellten bereits gekündigt. Er schaue noch, "wie sich die Einnahmen entwickeln", sagt er. "Widerrufen kann ich die Kündigungen immer noch." Doch für sehr wahrscheinlich hält er das nicht. Es wäre nur ein Tod auf Raten für seinen 50 Jahre alten Familienbetrieb.

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