Gülle und Krankheiten im Überfluss

Die Überproduktion von Lebensmitteln sorgt für Algenwachstum und Tierseuchen, sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. Und die Bauern in Afrika werden gleich mitruiniert.

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Die Massentierhaltung führt zum Einsatz von Tonnen Antibiotika, sagt Martin Hofstetter.

In den Industrieländern werden Nahrungsmittel im Überfluss produziert. Wird in Deutschland die Ackerfläche knapp?

MARTIN HOFSTETTER: Nein. Wir haben knapp 12 Millionen Hektar Ackerfläche, davon werden rund 2 Millionen Hektar für Biogas und Biosprit genutzt, Tendenz steigend. Fehlende Produkte werden auf dem Weltmarkt zugekauft.

Den Flächenengpass haben andere?

HOFSTETTER: Ja. Dadurch, dass wir immer mehr Fleisch, Biosprit und Biogas produzieren, benötigen wir immer mehr Fläche. Die holen wir uns von außen. Unsere Tierhaltung führt dazu, dass woanders auf der Welt Wald gerodet wird, um für deutsche Erzeuger günstiges Viehfutter anzubauen. Das ist das Schlechteste, was man machen kann, um das Klima zu schützen.

Welche Probleme gibt es bei uns?

HOFSTETTER: Durch die hohe Viehdichte gibt es zu viel Gülle. Deren Ausbringung auf die Felder führt zu Stickstoffüberschüssen. Der Stickstoff gelangt ins Grund- und Oberflächenwasser, führt zur Überdüngung und erhöhtem Algenwachstum vor den Küsten. Hinzu kommt das Klimagas Methan durch rülpsende Rinder.

Und sonst?

HOFSTETTER: Tierseuchen sind ein großes Problem gerade in den Ballungszentren der Tiermast. Immer wieder gibt es Vogel- und Schweinepestzüge und andere Infektionskrankheiten. Um haltungsbedingte Krankheiten in den Griff zu bekommen, werden den Tieren in Deutschland dreimal soviel Antibiotika verabreicht wie den Menschen. 800 Tonnen pro Jahr. Wenn ein Tier krank ist, wird häufig der ganze Bestand behandelt, statt die Haltung zu verbessern. Ungut ist auch, dass die Tierärzte am Verkauf der Antibiotika verdienen, die sind zugleich Ärzte und Apotheker.

Für den deutschen Markt wird zuviel Fleisch produziert, wohin geht der Überschuss?

HOFSTETTER: Vor allem Geflügel und Schweinefleisch wird nach Afrika und Asien geliefert. Im Landwirtschaftsministerium, das zugleich Verbraucherministerium ist, gibt es extra einen Staatssekretär, der nur dafür sorgt, Exportmärkte für die Agrarindustrie zu erschließen. Der fährt nach China auf Messen und preist dort deutsche Hühnchen an.

Was bedeutet der Export für die Bauern in den importierenden Ländern?

HOFSTETTER: Die werden von unseren Überschüssen bedroht. Beispiel Geflügel: Die wertvollen Teile, Brust und Schlegel, bleiben in Deutschland, der Rest wird in großen Mengen nach Afrika verkauft und macht dort die regionalen Märkte und damit die lokalen Erzeuger kaputt. Das passiert auch mit Milchpulver, das containerweise geliefert und vor Ort zu Milch und Milchprodukten aufbereitet wird. Der lokale Bauer mit drei Kühen, der seine Milch auch noch in die nächste Stadt bringen muss, kommt da nicht mit und ist ruiniert.

Setzt die EU ihre Agrarsubventionen zugunsten der Landwirte ein?

HOFSTETTER: Die Flächenbeihilfe kommt den Landwirten schon zugute. Damit können sie, trotz niedriger Preise, im Geschäft bleiben. Wer 1000 Hektar hat, bekommt rund 300 000 Euro. Wer nur 50 Hektar hat, 15 000 Euro. So wird die Entwicklung hin zu großen Betrieben gefördert und das Sterben der kleinen Bauernbetriebe beschleunigt.

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