Grünen-Politikerin Ekin Deligöz über Anfeindungen und Hass

Immer wieder die Türkei. Die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz muss viel erklären, obwohl sie die Türkei vor allem als Urlaubsland kennt. Die Entwicklungen dort beunruhigen sie sehr.

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Hofft auf ein Umdenken in der Türkei: Die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz (Grüne).  Foto: 

„Natürlich geht das nicht spurlos an mir vorbei“ – die Hassmails, die Beschimpfungen, die Drohungen von aufgehetzen Türken. „Aber diese Demokratie schützt mich auch. Sie ermöglicht mir, meine Meinung zu sagen, auch wenn diese anderen missfällt.“ Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Senden, hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg: Zur Armenien-Resolution und den Vorgängen in der Türkei, vor und nach dem vereitelten Putsch. Dabei ist die 45-Jährige in erster Linie Fachfrau für Soziales und Haushaltsfragen. Doch an einer Einschätzung zu den Ereignissen im Heimatland ihrer Mutter kommt sie nicht vorbei, auch nicht beim Besuch in der Zentralredaktion dieser Zeitung. Zu heiß ist der aktuelle Konflikt, zu spürbar sind dessen Auswirkungen bis nach Deutschland.

Das liegt nicht nur an der mit rund drei Millionen starken Gruppe von Menschen mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland leben, sondern auch am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der versucht, direkt und über seine Landsleute Druck auf  deutsche Politiker auszuüben. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat solch ein Ansinnen gerade öffentlich zurückgewiesen.

„Bei uns sagt man: Wenn man in der Türkei niest, bekommt man hier einen Schnupfen“, veranschaulicht Ekin Deligöz. Und die Türkei plagt dieser Tage mehr als ein Schnupfen. Mutmaßliche Putschisten und Menschen, die dem Allmachtsanspruch Erdogans kritisch gegenüberstehen, werden zu Zehntausenden verfolgt, verhaftet, ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt. Die Frage: Bist du für oder gegen Erdogan,  spalte die Türkei in zwei gleich große Lager. Sie trennt aber auch Freunde und Familien – und das in einem Land, das wegen der schwach ausgeprägten Sozialstrukturen ganz auf den familiären Zusammenhalt angewiesen ist. Die Spaltung finde man inzwischen in Berlin „eins zu eins“, sagt Deligöz. Gespräche zwischen den Lagern seien kaum mehr möglich.  Man kämpfe gegen Scharfmacher und gegen Verschwörungstheorien.

Zu besichtigen sein wird das vermutlich auch am kommenden Sonntag bei der Großdemonstration der Erdogan-Sympathisanten in Köln. Deligöz sieht das mit Sorge: „Die, die sich jetzt so stark fühlen, werden besonders stark verlieren.“ Denn zu den schon bestehenden Vorbehalten gegenüber Migranten käme nun noch der Verdacht des Nationalismus. Das sei kurzfristig ärgerlich, richte aber langfristig Schaden an – zum Nachteil der Jungen. Und doch sammeln gerade die sich hinter türkischen Fahnen. Deligöz gibt den Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak wieder, der sagt: Erdogan habe es geschafft, jungen türkischen Migranten eine Identität zu geben, eine Identität der Stärke und der Kraft. Diese binde – und zwar an das Herkunftsland der Eltern, nicht an die als abweisend und ausschließend empfundene neue Heimat.

 Für Zwischentöne und Differenzierungen bleibt derzeit wenig Raum. Dabei ist ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen ohne das nicht möglich. Die Grünen-Abgeordnete kennt das aus eigener Erfahrung. „Als Alewitin bist Du immer auf hab acht. Das wird Dir schon über die Muttermilch mitgegeben.“ Die muslimische Minderheit wird wegen ihrer Liberalität auch in der Türkei angefeindet. Das droht sich gerade zu verschärfen. Denn die Liberalen stehen unter Verdacht. Nicht nur sie.

 Im Zentrum des aufgepeitschten Volkszorns steht die konservative Gülen-Bewegung. Von einem „Bruderkrieg“  zwischen Fethullah Gülen und Erdogan spricht Deligöz. Die bildungsorientierten, aufstiegsaffinen Anhänger des im US-Exil lebenden Predigers Gülen wollen durch wirtschaftliche Kraft die islamische Bewegung voranbringen. Sie stehen für konservative Werte und ein traditionelles Familienbild, mit klaren Rollenmustern, doch, so Ekin Deligöz, „gewaltbereit sind sie nicht.“ Die meist gut ausgebildeten Anhänger haben in den vergangenen Jahren wichtige Positionen eingenommen und Netzwerke geknüpft. Auch diese werden in der Türkei augenblicklich mit ganzer Staatsgewalt zerschlagen.

Wie umgehen mit einem politischen Gegenüber, das nur noch das Recht des Stärkeren kennt? Die Zusammenarbeit beenden? „So einfach können wir uns das nicht machen“, sagt die Grünen-Abgeordnete. Die Türkei stelle eines der stärksten Heere innerhalb der Nato. Auch geostrategisch als Scharnier zum mittleren Osten sei das Land wichtig. Deligöz verlangt, der Türkei Bedingungen zu stellen: wenn der Bundestag die weitere Finanzierung des Bundeswehrstützpunktes im türkischen Incirlik beschließen soll oder dem Land EU-Infrastrukturhilfen überwiesen werden. „Auf die Sprache der Wirtschaft hört Erdogan.“ Nicht Einsicht, sondern der massive Einbruch im Tourismus und bei den Exporten habe den Staatspräsidenten gerade zu einer Kurskorrektur gegenüber Russland bewogen.

 Sie selbst muss auf das Umdenken aufgehetzter Erdogan-Gefolgsleute noch warten. Aus Sicherheitsgründen sind Reisen in die Türkei für sie und andere Abgeordnete im Augenblick tabu. „Das tut mir in der Seele weh,“ gesteht Ekin Deligöz. Den Urlaub verbringt sie dieses Jahr in Deutschland.

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