Großbritannien: Frust ohne Ende

Die britische Gesellschaft findet nicht mehr zusammen:  Der knappe Ausgang des EU-Referendums hat alles noch schlimmer gemacht.

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Demonstration von Brexit-Gegnern in London: Hinter dem Konflikt steckt jahrelang aufgestaute Wut.  Foto: 

An der Türschwelle zu Downing Street Nummer 10 beklagte die neue Hausherrin die „brennende Ungerechtigkeit“ in dem Land, das sie nun regiert.  In ihrer ersten  Rede als Premierministerin prangerte Theresa May an, dass die Lebenserwartung armer Briten durchschnittlich um neun Jahre geringer sei als die ihrer wohlhabenden Mitbürger.

Die Chancen von Kindern aus der Arbeiterschicht, einmal eine Universität zu besuchen, seien ebenso minimal wie der Aufstieg zu einer Führungsposition in der Wirtschaft, wenn man eine staatliche Schule anstatt eine Privatschule besucht hat. Schwarze würden  von Polizei und Justiz harscher behandelt als Weiße, Frauen verdienten  immer noch weit weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. Junge Leute fänden es zunehmend schwieriger, ein erschwingliches Haus zu finden. „Wenn Sie zu einer normalen Arbeiterfamilie gehören, ist das Leben für Sie viel schwerer, als viele im Londoner Regierungsviertel annehmen,“ sagte Theresa May abschließend. „Sie haben einen Job, aber nicht immer die Sicherheit, ihn zu behalten. Sie haben ein Haus, aber Sie sorgen sich um die Hypothekenzahlungen. Sie kommen gerade noch zurecht, aber Sie sorgen sich um den Lebensunterhalt und die Kinder auf eine gute Schule zu bringen.“

Das ist eine gute Analyse der gesellschaftlichen Realität Großbritanniens, ungeachtet dessen, dass Theresa May der Partei und der Regierung angehört, die mit ihrem brutalen Sparkurs die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer machte. Ein ähnliches Lamento haben die Briten bei jedem Amtsantritt eines Regierungschefs gehört, ohne dass sich in weiten Teilen des Landes etwas an der sozialen Ungleichheit geändert hat. Die Bockgesänge der Mächtigen stoßen bei den Adressaten immer öfter auf taube Ohren. Zynismus und Frustration bestimmen die politische Kultur und Millionen von Wählern gehen entweder überhaupt nicht mehr zur Urne oder wechselten von den etablierten Parteien zu rechtspopulistischen Stimmenfingern über. Es gehört zu den vielen Absurditäten eines veralteten, bürgerfernen Wahlsystems im  „Mutterland der Demokratie“, dass dennoch eine Partei, für die nur ein Viertel der registrierten Wähler gestimmt haben, im Parlament die absolute Mehrheit gewinnt.

Großbritannien ist das klassische Land der Klassengegensätze. Doch niemals zeigte sich das so drastisch wie in dem Referendum zum Brexit, bei dem im Gegensatz zu den Wahlen jede Stimme gleich zählte. Das Ergebnis demonstrierte eine tief gespaltene Gesellschaft. London und die meisten Großstädte stimmten wie Schottland und Nordirland deutlich für den Verbleib in der EU. Auf dem flachen Land und in den verarmten Industriezonen war es genau umgekehrt. John Harris, der seit sechs Jahren ständig über die Befindlichkeit der Nation berichtet, brachte dieses Phänomen auf eine einfache Formel. Als er dazu eine Frau in Collyhurst befragte, sagte diese schlicht: „Wer Geld hat, stimmt für den Verbleib in der EU. Wer keines hat, stimmt dagegen.“ So blieben die vielen Warnungen der Experten vor dem Austritt fruchtlos. Sie wurden als Vertreter des Establishments angesehen, die mit der EU ihr Eigeninteresse verfolgen und sich nicht um die Sorgen gewöhnlicher Leute kümmern.

Der fatale Ausgang hat die tiefen gesellschaftlichen Risse noch verstärkt. Laut der jüngsten Meinungsumfrage glauben nun zwei Drittel der Briten, dass ihr Land gespaltener ist als vor dem Referendum. Besonders gefährlich ist der Konflikt zwischen den Generationen. 70 Prozent der Jugendlichen stimmten für den Verbleib in der EU und sehen sich nun um ihre Zukunft betrogen.

Zu allem Überfluss könnte der Brexit nicht nur die Gesellschaft, sondern auch das Vereinigte Königreich selbst spalten. Die schottische Regionalregierung signalisierte ein zweites Referendum zur Unabhängigkeit. Und in Nordirland will die Volkspartei der Katholiken nun mit aller Macht auf die Vereinigung mit der Republik Irland drängen.

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